N— S v—*
S——
31¹1
„Ja, das Myſterium der Sünde; ich kann es nicht anders nennen. Ich meine das Geheimniß von der Sünde Daſein oder ihrem Sinne, oder Nutzen, oder wie ihr es nennen wollt, meine Freunde. Gleich⸗ wohl geſtehe ich, daß wir hier am Rande des ſchauer⸗ lichſten aller Räthſel ſtehen. Laßt uns jedoch nicht vor dem Worte zurückſchrecken, ſondern uns vor den wah⸗ ren, milden Gedanken ſtellen. Es bedarf viel Fröm⸗ migkeit, Demuth und Klarheit, um das Myſterium der Sünde einzuſehen.“
Die ganze Akademie ſah mit Erſtaunen auf.
„Ja, meine Freunde, laßt uns aller Zeiträume der Geſchichte gedenken, gedenken, wie die Menſchheit durch Sünde weiter geſchritten iſt, und wie jeder neue Bildungskreis die größte Todſünde war, welche die vorausgehende Bildungsperiode am meiſten verboten und mit all ihrer Macht, ihrer Weisheit, ihrer Geſetz⸗ gebung zu verhindern geſucht hatte: Alles aus dem natürlichen Grunde, weil jedes Kulturgeſetz ſich ſeines eigenen Lebens wehren und ſeinem Tode vorbauen will. Daß die Laſter die Welt getragen haben und tragen, oder daß ſie überhaupt Schuld daran waren, wenn etwas Rechtes aus ihr wurde, dieß iſt die letzte Wahrheit, welche menſchliche Lippen ausſprechen ſoll⸗ ten; da nachher nicht mehr viel zu ſagen iſt. Ich gebe auch zu, daß dieſe Worte ſchrecklich mißverſtanden werden können! deßhalb bitte ich euch jetzt um große Auf⸗ merkſamkeit. Ich meine keineswegs alle Laſter, nicht ein⸗ maldengrößten Theil. Ich meine auch durchaus keine kleine Fehler, Vergehen und Sündenz ſondern das, was in jedem Zeitraum für die Größte und Vollkommenſte angeſehen wurde: die Todſünde des Jahrhunderts ſelbſt. Sie iſt es gewöhnlich, vor welcher die ganze Bildung des Zeitraums ſchaudert und zittert, wie vor ihrem eigenen Untergang. Sie iſt es, welche die Pforte zeigt, durch welche die neue Periode hereintritt; wo⸗ durch die Menſchheit ſteigt und ſich erweitert. Das
———


