298
iſt nicht wörtlich zu nehmen, das iſt ein orientaliſcher Aus⸗ druck, aus dem Ebräiſchen genommen, und heißt ſo viel als: Verwandter, Freund.“
„So wäre alſo der Ausdruck 09 560*) auch nicht wörtlich zu nehmen, und wäre auch bloß vrientaliſcher Ausdruck?“
„Keineswegs, hiefür ſprechen ausdrücklich die meſſianiſchen Stellen des alten Teſtaments, die Cvangelien und die Satzun⸗ gen der Kirche, und dann,“ ſetzte er hinzu, indem er die Mienen Jvo's ſcharf beobachtete,„iſt die ganze Menſch⸗ werdung Gottes nur dazu, um dem menſchlichen Begriff einen Halt zu geben, da, wie ich vorhin geſagt, wir das Ueberirdiſche nicht begreifen können; das Weſen derſelben iſt und bleibt eben ein Myſterium, das wir nur glauben können, und der Glaube wird in dir wohnen, wofern du dich nur recht befleißeſt, deine Seele rein und kindlich zu erhalten.“
„Ja das iſt nicht ſo leicht,“ ſagte IJvo zaghaft.
Ich will dir einen bewährten Rath geben,“ ſagte der Profeſſor, die Hand auf die Schulter Jvo's legend:„ſo oft
ein Gedanke in dir aufſteigt, der dich vom Glauben entfernt,
ſuch ihn augenblicklich zu bannen durch Gebet und Studium, laß ihn nie länger in dir walten. Es geht uns mit unſerm Gotte, wie mit einem Freunde; haben wir uns länger in⸗ nerlich von ihm entfernt, ſo finden wir leicht den rechten Weg zu ſeinem Herzen nicht mehr.“
Dieſe Lehre und dieſes Gleichniß traf Jvo gewaltig, aber es war zu ſpät.
Man ſollte vermuthen, ſolcherlei Forſchungen hätten Jvo über die Kirche hinaus bis an die äußerſten Grenzen des Denkens treiben müſſen, aber er war und blieb ein gläubiges Gemüth; er war vom Vorhandenſein der Wunder lebendig überzeugt, und nur eine Seele, die noch auf dem
*) Gottes Sohn.


