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Der Pilgerzug nach Mekka : morgenländische Sagen und Erzählungen / von F. W. Hackländer
Entstehung
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Jetzt führte die Treppe vor eine ſchmale Pforte, durch welche Ibrahim in ein gewölbtes Gemach trat, in deſſen Mitte ſich ein vier⸗ eckiger Stein erhob, auf welchem der junge Mann zu ſeinem größten Erſtaunen ein mächtiges Schwert liegen ſah. Wenn es ihm auch nicht in den Sinn kam, daß er ſtark genug ſei, dieß Schwert zu ſchwingen, ſo trieb ihn doch die Neugierde, den Griff mit der Hand anzufaſſen. Er zog die Klinge aus der Scheide und als er ſie empor hob und ihr Funkeln und Leuchten ſah, ſchien das Schwert ganz für ſeine Größe zu paſſen, und es war ihm, als habe er es von jeher geführt.

Nachdem er ſich eine Zeit lang in dem Gemache vergeblich um⸗

geſchaut, um ſonſt noch vielleicht etwas zu entdecken, ſuchte er einen Ausgang, um ſeinen Weg fortzuſetzen. Bald fand er auch die Treppe wieder, und als er auf ihr das Gemach verließ, ſah er, daß er ſich auf einem der höchſten Thürme der Burg befand, auf deſſen Spitze die Treppe führte. Wer beſchreibt aber ſein Erſtaunen, als er auf die Zinne dieſes Thurmes gelangt war und dort einen Adler erblickte, der aber eben ſo wie alle Gebäude in Stein ausgehauen zu ſein ſchien. An einem ſeiner Fänge befand ſich eine goldene Kette, die mit ihrem anderen Ende an die Mauer des Thurmes befeſtigt war. Ibrahim ging mehrere Male um den Adler herum, und je öfter er ihn be⸗ trachtete, je ſeltſamer ſchien ihm der gefeſſelte Vogel. Auf dem Kopfe trug derſelbe eine große goldene Krone, und in ſeinen Fängen hielt er Reichsapfel und Scepter.

Das arme Thier, dachte Ibrahim bei ſich,warum mag es wohl mit dieſer goldenen Kette feſtgeſchloſſen ſein! Obgleich der Adler nur von Stein war, ſchien ihm dieß ſehr unpaſſend, und es kam ihm plötzlich die Idee, die goldene Kette zu löſen und die Figur des Adlers von dieſem läſtigen Schmucke zu befreien. Er faßte ſie an, und ver⸗ ſuchte, ſte aus dem Gemäuer herauszuziehen, aber vergebens, ſie ſchien mit dem Stein zuſammengewachſen. Auch von dem Fänger des Adlers wollte ſie ſich nicht abſtreifen laſſen, weshalb der Jüngling nach vielen vergeblichen Bemühungen, kurz entſchloſſen, ſein Schwert zur Hand nahm und mit einem gewaltigen Hieb die Kette löste.

Kaum war dies aber geſchehen, ſo hob der Adler ſeinen Kopf empor, ſchlug mit den Flügeln und ſchwang ſich langſam in die Luft. Ueberraſcht blickte ihm der Jüngling nach, doch ſein Erſtaunen ver⸗ größerte ſich, als der Adler jetzt hoch in den Lüften das Scepter ſowie den Reichsapfel in ſeine Hand fallen ließ, und darauf durch eine Be⸗

Hackländer, orient. Sagen. 13

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