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und lenkte in eine der Gaſſen hinein, die ſich vor den Blicken Ibra⸗ hims öffnete. Seltſam klang hier der Hufſchlag des Pferdes und der Jüngling ſchaute betroffen um ſich her, denn es war ihm gerade, als müſſe jetzt hinter einem dieſer Felsſtücke Jemand hervortreten, der nach ſeinem Begehren fragte. Doch Alles blieb ſtill wie zuvor. Schon hatte Ibrahim eine Menge langer Gaſſen durchritten und das Pferd lenkte jetzt auf einen Platz, an deſſen Ende ſich ein mächtiger und großer Fels erhob, der in ſeiner äußern Geſtalt einer mächtigen Kö⸗ nigsburg glich. Da waren coloſſale Thürme und breite Treppen, hohe Bogengänge mit ſchlanken Säulen, ausgedehnte Gebäude, aber Alles ſchien von der Natur ſelbſt hervorgebracht zu ſein, denn wenn man dieſe Werke ſah, ſo ſchien es faſt unmöglich, daß Menſchenhände ſo etwas hervorbringen können.
An einer der großen Treppen dieſer Burg hielt das Pferd und da es dem jungen Mann ſchien, als ſei er hier am Ziel ſeiner Reiſe angelangt, ſo ſtieg er ab, ohne zu wiſſen, was nun zu beginnen ſei. Da aber die Nacht ſchon mächtig hereingebrochen war, er ſich auch von dem langen Ritt etwas ermüdet fühlte, ſo folgte er dem Beiſpiel des Pferdes, das ſich auf den Boden niedergeſtreckt hatte, und legte ſich unter eine der Treppen, wo er alsbald in einen tiefen Schlaf verſank.
Am andern Morgen, als kaum der erſte Strahl des Tages die Felſen beleuchtete, wurde Ibrahim durch das Wiehern ſeines Pferdes erweckt, rieb ſich die Augen und als er ebenſo wie geſtern um ſich die ſeltſamen Steingebäude erblickte, war er verſucht, Alles anfänglich für einen Traum zu halten. Doch bald überzeugte er ſich, daß er wache und Alles wirklich ſehe. Er ſprang empor und folgte dem Pferde, welches langſamen Schrittes und oft nach ihm umſchauend, die Mau⸗ ern der Burg entlang wandelte. Endlich blieb es vor einem kleinen Bogen ſtehen, und der Jüngling bemerkte mit Erſtaunen eine ſchmale Treppe, die ungemein ſteil an der Wand empor führte. Hier blieb das Pferd ſtehen und ſah empor, was Ibrahim alsbald für ein Zeichen nahm, daß es ihn bitte, einen Verſuch zu machen, da hinauf zu klet⸗ tern. Raſch war er hierzu entſchloſſen und ſtieg die ſchmale Treppe empor. Doch war's, als wollte dieſelbe faſt kein Ende nehmen. In allen möglichen Wendungen führte ſie über Thürme und Bogengänge hinweg, und oftmals blieb der junge Mann ſtehen, um rückwärts ſchauend die Felſenſtadt zu überſehen, die todt und ſtille zu ſeinen Füßen ausgebreitet lag.
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