tlicher Freund. 612
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ben,“ wiederholte Lightwood mit tiefer Gemüthsbewegung. „Er ſiecht unter den Verletzungen dahin, die er von den Händen eines Schurken erhielt, der ihn im Finſtern an⸗ fiel. Ich komme direct von ſeinem Sterbelager. Er iſt fortwährend bewußtlos. Während eines kurzen unruhi⸗ gen Augenblicks der Beſinnung, oder theilweiſen Beſin⸗ nung, gab er mir zu verſtehen, daß ihn danach ver⸗ langte, daß Sie an ſeinem Bette ſäßen. Da ich mich kaum auf meine eigene Ausdeutung der undeutlichen Laute verließ, die er von ſich gab, ließ ich Lizzie auf dieſel⸗ ben lauſchen. Ihnen verlangte.“
Die Schneiderin ſchaute, mit noch immer gefaltenen Händen, erſchrocken von dem einen zum andern ihrer beiden Gefährten.
„Falls Sie es verzögern, ſtirbt er vielleicht mit dem unerfüllten letzten Wunſche— einem Wunſche, den er mir anvertraut, die wir längſt mehr als Brüder für ein⸗ ander waren. Ich werde die Faſſung verlieren, falls ich noch mehr zu ſagen verſuche.“
In wenigen Minuten war der ſchwarze Hut aufge⸗ ſetzt, der Krückſtock in Bewegung geſetzt, der gute Jude blieb zur Bewachung der Hauſes zurück und die Puppen⸗ ſchneiderin fuhr an Mr. Mortimer Lightwood's Seite in einer Poſtchaiſe zur Stadt hinaus.
Zehntes Kapitel. Die Puppenſchneiderin entdeckt ein Wort.
Ein verdunkeltes ſtilles Zimmer; außen unter dem Fenſter ſtrömt der Fluß dem weiten Meere zu; dort liegt, hülflos auf dem Rücken, eine Geſtalt mit Pflaſtern und Verbänden und zwei unbrauchbaren Armen in Arm⸗ ſchienen an ihrer Seite. Zwei Tage hatten hingereicht,
die kleine Schneiderin mit dieſer Scene ſo vertraut zu
machen, daß dieſe zwei Tage ebenſoviel Jahre in ihrem Gedächtniß zu ſein ſchienen.
Er hatte ſich ſeit ihrer Ankunft kaum geregt. Seine Augen waren zuweilen offen, zuweilen geſchloſſen. Wenn ſie geöffnet waren, lag in ihrem ſtarren Blicke auf einen und denſelben Fleck hin kein Ausdruck, falls er nicht auf einen Augenblick mit einem ſchwachen Schimmer des Zornes oder der Verwunderung die Stirn runzelte. Dann pflegte Mortimer Lightwood zu ihm zu ſprechen, und zuweilen fand er ſo viel Beſinnung, daß er den Verſuch machte, den Namen ſeines Freundes auszu⸗ ſprechen. Aber das Bewußtſein war augenblicklich wieder geſchwunden und Eugen's Geiſt hatte Eugen's äußere zerſchlagene Geſtalt wieder verlaſſen.
Sie verſahen Jenny mit den Materialien zu ihrer Arbeit und ſtellten am Fuße des Bettes einen kleinen Tiſch für ſie auf. Sie hofften, daß ſie, wie ſie unter ihrem reichen goldenen Haarwuchs, der über die Stuhl⸗ lehne herabwallte, vor ihm da ſaß, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen würde. In derſelben Abſicht pflegte ſie, wenn er die Augen öffnete, oder ſie ihn mit jenem ſchwachen Ausdrucke, der ſo flüchtig war, wie eine Digur. die man im Waſſer zeichnet, die Stirn runzeln ſah, leiſe vor ſich hin zu ſingen. Doch bis jetzt hatte er noch kein Zeichen der Beachtung von ſich gegeben. Die„ſie,“ von denen wir oben reden, waren der Arzt, Lizzie, die während all ihrer Erholungsſtunden dort war, und Lightwood, der ihn nie verließ.
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Wir waren Beide überzeugt, daß er nach
Aus den zwei Tagen wurden drei und aus den drei Tagen vier. Endlich, ganz unerwarteter Weiſe, flüſterte er Etwas.
„Was war es, mein lieber wnsf „Willſt Du, Mortimer—“
„Will ich— 2“—
—„Sie holen laſſen?“
„Mein lieber Junge, ſie iſt hier.“
Der langen leeren Zwiſchenzeit ſich völlig unbewußt, meinte er, daß ſie noch mit einander redeten.
Die kleine Schneiderin ſtand am Fuße des Bettes auf, ſummte ihr Liedchen und nickte ihm heiter zu.„Ich kann Dir nicht die Hand drücken, Jenny,“ ſagte Eugen, mit Etwas von ſeiner alten Miene;„aber ich freue mich ſehr, Dich zu ſehen.“.
Mortimer wiederholte ihr dies, denn er konnte es ſelber nur verſtehen, indem er ſich über ihn beugte und ſeine Verſuche es zu ſagen, aufmerkſam beobachtete. Nach einer kleinen Weile fügte er hinzu:
„ Frage ſie, ob ſie die Kinder geſehen hat.“ Mor⸗ timer konnte dies nicht verſtehen, und auch Jenny ſelbſt verſtand es nicht, bis er hinzufügte:
„Frage ſie, ob ſie die Blumen gerochen hat?“
„O! Ich weiß!“ rief Jenny.„Ich verſtehe ihn jetzt!“ Lightwood räumte ihr ſeinen Platz ein, als ſie ſchnell herbei eilte, ſich über das Bett hinbeugte und mit jenem beſſeren Ausdrucke im Geſichte ſagte:„Sie meinen meine langen ſtrahlenden Reihen von Kindern, die mir Linde⸗ rung und Ruhe zu bringen pflegten? Sie meinen die Kinder, die mich aufzuheben und leicht zu machen pflegten?“
Eugen lächelte„Ja.“.
„Ich habe ſie, ſeit ich Sie ſah, nicht wiedergeſehen. Ich ſehe ſie jetzt nie mehr. Aber ich habe jetzt faſt nie mehr Schmerzen.“
„Es war ein hübſcher Einfall,“ ſagte Eugen.
„Aber ich habe meine Vögel ſingen hören,“ rief das kleine Weſen,„und ich habe meine Blumen ge— rochen. Ja, gewiß und beide waren wunderſchön und göttlich!“
„Bleibe hier und hilf mich pflegen,“ ſagte Eugen ruhig.„Ich möchte, daß Du die Idee hier hätteſt, ehe ich ſterbe.“
Sie berührte ſeine Lippen mit der Hand und hielt dann dieſelbe Hand über ihre Augen, wie ſie zu ihrer Arbeit und ihrem kleinen Liede zurückkehrte. Er hörte ihrem Geſange mit ſichtlichem Vergnügen zu, bis ſie denſelben allmälig verklingen ließ.
„Mortimer.“
„Mein lieber Eugen.“
„Wenn Du mir Etwas geben kannſt, um mich nur auf wenige Minuten hier feſtzuhalten—“
„Dich hier feſtzuhalten, Eugen?“
„Um mein Fortwandern— ich weiß nicht wohin— zu verhindern— denn ich fange an mir bewußt zu wer⸗ den, daß ich ſo eben zurückgekommen bin und daß ich mich wieder verirren werde— ſo thu' dies, lieber Junge!“
Mortimer gab ihm ſolche Stärkungsmittel, wie er.
ſie mit Sicherheit zu ſich nehmen durfte(dieſelben waren ſtets zur Hand), und war, indem er ſich über ihn hin⸗ beugte, im Begriff, ihn zu warnen, als Eugen ſagte:
„Verbiete mir nicht zu ſprechen, denn ich muß ſprechen. Wenn Du wüßteſt, von welcher marternden Sorge ich genagt und gequglt werde, wenn ich an jenen Orten wandere— wo ſind alle jene endloſen Orte, Mortimer? Sie müſſen in einer ungeheuren Entfernung ſein!“
Er ſah im Geſichte ſeines Freundes, daß er ſich zu verirren anfing; denn er fügte nach einem Augenblicke
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