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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
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den Arm emporhielt. „Nun, Mary Ann?“

„Der junge Mr. Hexam, wenn Sie erlauben, Ma⸗

dame, kommt, Mr. Headſtone zu beſuchen.“

„Sehr gut, Mary Ann.“

Mary Ann hielt abermals den Arm empor.

„Du darfſt ſprechen, Mary Ann.“

„Mr. Headſtone hat den jungen Mr. Hexam in ſein Haus hineingewinkt und iſt ſelbſt hineingegangen, ohne auf den jungen Mr. Hexam zu warten; und jetzt iſt dieſer ebenfalls hineingegangen und hat die Thür ge⸗ ſchloſſen.“

„Meinetwegen, Mary Ann.“

Mary Ann's telegraphiſcher Arm war wieder bei der Arbeit.

„Was weiter, Mary Ann?“

„Sie müſſen es ziemlich traurig und dunkel finden, denn das Rouleau in der Wohnſtube iſt herabgelaſſen und Keiner von ihnen zieht es auf.“

„Es läßt ſich,“ ſagte die gute Miß Peecher mit einem traurigen kleinen Seufzer, den ſie unterdrückte, indem ſie ihre Hand auf ihr ſauberes kleines Leibchen legte,„es läßt ſich über den Geſchmack einmal nicht ſtreiten, Mary Ann.“..

Wie Charley in das dunkle Zimmer trat, ſtand er ſtill, als er ſeinen alten Freund in dem gelblichen Schat⸗ ten ſtehen ſah.

„Komm herein, Hexam, komm herein.“

Charley trat näher, um die ihm entgegengeſtreckte Hand zu faſſen; ſtand aber wiederum ſtill, ehe er die⸗ ſelbe annahm. Die ſchweren, blutunterlaufenen Augen des Schulmeiſters, die ſich mit Anſtrengung zu ſeinem Geſichte erhoben, begegneten ſeinem prüfenden Blicke.

„Mr. Headſtone, was giebt es?“

„Was es giebt? Wo?“

„Mr. Headſtone, haben Sie die Neuigkeit gehört? Die Neuigkeit über jenen Menſchen, Eugen Wrayburn, daß er getödtet iſt?“

„Dann iſt er alſo todt!“ rief Bradley aus.

Wie der junge Hexam daſtand und ihn anſchaute, benetzte er ſeine Lippen mit der Zunge, ſchaute ſich im Zimmer um, warf einen Blick auf ſeinen ehemaligen Zögling und ſchlug die Augen nieder.„Ich hörte von der Gewaltthat,“ ſagte Bradley, indem er das Zucken ſeines Mundes zu unterdrücken verſuchte,,„aber ich hatte nicht das Ende derſelben erfahren.“

„Wo waren Sie,“ ſagte der Knabe mit leiſerer

Stimme, einen Schritt näher tretend,„als es geſchah?

Halt! Das will ich nicht fragen. Sagen Sie mir's nicht. Falls Sie mir Ihr Vertrauen aufdrängen, Mr. Headſtone, will ich jedes Wort davon angeben. Hören Sie! Laſſen Sie ſich's geſagt ſein. Ich will jedes Wort angeben und will Sie angeben. Das will ich!“

Das elende Geſchöpf ſchien durch dieſe Verſtoßung bitteren Schmerz zu leiden. Es ſenkte ſich ein trauriger Ausdruck gänzlicher und vollkommener Verlaſſenheit wie ein ſichtbarer Schatten auf ihn herab.

„Es iſt an mir, zu ſprechen, nicht an Ihnen,“ ſagte der Knabe.„Falls Sie es thun, ſo thun Sie es auf Ihre Gefahr hin. Ich bin im Begriff, Ihnen Ihre Selbſtſucht vorzuhalten, Mr. Headſtone— eine leiden⸗ ſchaftliche, heftige, zügelloſe Selbſtſucht— um Ihnen zu zeigen, warum ich ferner nichts mehr mit Ihnen zu thun haben kann und will.“

Er ſchaute den jungen Hexam an, als warte er, bis ein Schüler ſeine Aufgabe hergeſagt, die er auswendig wußte, und deren er herzlich überdrüſſig. Aber er hatte ſein letztes Wort zu ihm geſprochen.

„Falls Sie irgend welchen Antheil— ich ſage nicht wie viel— an dieſem Angriffe hatten,“ fuhr der Knabe fort;„oder falls Sie irgend Etwas darüber wiſſen— ich ſage nicht, was— oder falls Sie wiſſen, wer den⸗ ſelben verübt— ich will nicht näher darauf eingehen

— ſo fügten Sie mir ein Unrecht zu, das nimmer ver⸗

ziehen werden kann. Sie wiſſen, daß ich Sie mit mir nach ſeiner Wohnung im Temple nahm, als ich ihm meine Meinung über ihn ſagte und mich für meine Mei⸗ nung von Ihnen verantwortlich machte. Sie wiſſen, daß ich Sie mitnahm, als ich ihn beobachtete, in der Abſicht, meine Schweſter zu retten und zur Vernunft zu bringen. Und wie können Sie wiſſen, ob Sie, indem Sie dem Ziele Ihres gewaltthätigen Temperamentes nachgingen, mich nicht dem Verdachte ausgeſetzt haben? Iſt dies Ihre Dankbarkeit gegen mich, Mr. Headſtone?“

Bradley ſaß und ſchaute ruhig vor ſich in die leere Luft. So oft der junge Mann innehielt, wandte er ſeine Blicke auf ihn hin, wie wenn er wartete, daß er mit dem Herſagen ſeiner Lection fortführe und damit zu Ende käme. So oft der Knabe ſeine Rede wieder auf⸗ nahm, nahm Bradley wieder ſein ſtarrres Geſicht an.

„Ich will deutlich mit Ihnen reden, Mr. Headſtone,“ ſagte der junge Hexam, mit drohender Geberde den Kopf ſchüttelnd,„denn dies iſt nicht der Augenblick für mich, zu thun, als wiſſe ich nichts von Dingen, die mir wohl bekannt ſind— gewiſſe Dinge ausgenommen, deren noch⸗ mals zu erwähnen nicht ſehr erquicklich für Sie ſein dürfte. Was ich meine, iſt Folgendes: Falls Sie ein guter Lehrer waren, war ich ein guter Schüler. Ich habe Ihnen reichlich Ehre gemacht, und indem ich meinen Ruf verbeſſerte, habe ich daſſelbe für den Ihrigen ge⸗ than. Sehr gut alſo. Indem wir von gleichem Stand⸗ punkte ausgehen, wünſche ich Ihnen zu zeigen, in welcher Weiſe Sie mir Ihre Dankbarkeit dafür zu erkennen ge⸗ geben, daß ich mein Möglichſtes gethan, Ihre Wünſche in Bezug auf meine Schweſter zu fördern. Sie haben mich compromittirt, indem man Sie mit mir geſehen hat, wie ich dieſem Mr. Eugen Wrayburn entgegen zu wirken verſuchte. Das iſt das Erſte, was Sie gethan haben. Falls mein Ruf und mein Aufgeben alles Ver⸗ kehrs mit Ihnen mir da heraus helfen, Mr. Headſtone, ſo habe ich dies mir und nicht Ihnen zu verdanken. Ich bin Ihnen wahrlich nichts dafür ſchuldig!“

Da der Knabe hier wieder inne hielt, bewegte Bradley abermals die Augen.

„Ich fahre fort, Mr. Headſtone, fürchten Sie nichts. Ich werde bis an's Ende fortfahren, und ich habe Ihnen im Voraus geſagt, welches das Ende iſt. Sie kennen meine Geſchichte. Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß ich manche Hinderniſſe in meinem Leben hinter mir zurück⸗ zulaſſen hatte. Sie haben mich meines Vaters erwähnen hören und ſind hinlänglich mit der Thatſache be⸗ kannt, daß das Vaterhaus, aus dem ich, ſo zu ſagen, entfloh, ein achtbareres hätte ſein dürfen, als es war. Mein Vater ſtarb, und man könnte wohl annehmen, daß mein Weg zur AOchtbarkeit dann ziemlich klar vor mir gelegen. Nein. Denn dann fängt meine Schweſter an.“

Er ſprach ſo zuverſichtlich und mit einer ſo völligen Abweſenheit aller verrätheriſchen Farbe auf den Wangen, wie wenn gar keine rührende alte Zeit hinter ihm gelegen. Dies war nicht zum Verwundern, denn es gab deren keine in ſeinem hohlen, leeren Herzen. Was ſieht die Selbſt⸗ ſucht wohl anders im Rückblicke, als das Selbſt?

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