Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 588
erſtaunlichſte Antwort.„Beim heiligen Georg und dem Drachen!“ rief Riderhood,„er will ſich, ſo wahr ich lebe, baden!“
Er war auf und zwiſchen den Baumſtämmen wieder zurück nach dem Ufer gegangen und hatte ſich im Graſe zu entkleiden angefangen. Einen Augenblick hatte die Sache ein verdächtiges Selbſtmord-Anſehen, ſo einge— richtet, daß derſelbe einem Unfalle gleichen würde.„Aber wenn du das im Sinne gehabt, würdeſt du nicht ein Bündel unter dem Holze herausgeſucht haben!“ ſagte Riderhood. Deſſenungeachtet fühlte er ſich erleichtert, als der Badende, nachdem er einmal untergetaucht und ein paar Schwimmſchläge gethan, wieder herauskam.„Denn ich hätte dich nicht gern verloren,“ ſagte er mit Ge⸗ fühl,„bis ich noch etwas mehr Geld aus dir heraus⸗ gebracht.“
Flach in einem Graben liegend(denn er hatte ſeinen Graben vertauſcht, wie ſein Mann ſeine Stellung ver⸗ ändert) und ein ſo unbedeutendes Stückchen der Hecke auseinander haltend, daß das ſchärfſte Auge ihn nicht würde entdeckt haben, beobachtete Rogue Riderhood den Badenden, wie dieſer ſich ankleidete. Und jetzt zeigte ſich allmälig das Wunder, daß er völlig angekleidet als ein anderer Mann, und nicht als der Bootführer, aufſtand.
„Aha!“ ſagte Riderhood.„Ungefähr wie du an jenem Abend gekleidet warſt. Ich verſtehe! Ich folge dir jetzt. Du biſt ſchlau. Aber ich weiß einen noch Schlaueren.“
Als der Gebadete ſich angekleidet, kniete er im Graſe nieder und that Etwas mit den Händen, und richtete ſich dann mit einem Bündel unter dem Arme wieder auf. Indem er ſich dann mit großer Aufmerkſamkeit rings umſchaute, ging er an den Rand des Fluſſes und ſchleu⸗ derte das Bündel ſo weit und ſo leicht als möglich hin⸗ ein. Nicht eher, als bis er ſo entſchieden wieder ſeinen Weg fortgeſetzt, daß er jenſeit einer Biegung und für den Augenblick nicht mehr zu ſehen war, kroch Riderhood aus ſeinem Graben hervor.
„Jetzt,“ überlegte dieſer für ſich,„fragt es ſich, ob ich dir weiter folge oder dich diesmal laufen laſſe und ſtatt deſſen fiſchen gehe?“ Da er noch nicht einig mit ſich hierüber war, folgte er ihm einſtweilen der Vorſicht halber, und hatte ihn wieder in Sicht.„Falls ich dich diesmal loßließe,“ ſagte Riderhood, ihm noch immer folgend,„könnte ich dich wieder zu mir kommen, oder dich auf die eine oder die andere Weiſe ausfindig machen. Falls ich nicht fiſchen ginge, dürften Andere dies thun.— Ich will dich diesmal laufen laſſen und fiſchen gehen!“ Damit gab er plötzlich die Verfolgung auf und kehrte um.
Der elende Menſch, den er auf eine Weile, doch nicht auf lange, freigegeben, ſchritt in der Richtung nach Lon⸗ don dahin. Bradley beargwöhnte jeden Laut, den er hörte, und jedes Geſicht, das er ſah, befand ſich aber unter einem Zauberbanne, der ſehr gewöhnlich den Blut⸗ vergießer befällt, und hatte keine Ahnung von der wirk⸗ lichen Gefahr, die ſein Leben bedrohte und auf daſſelbe Anſpruch machte. Riderhood lag ihm viel in Gedanken — er war ihm ſeit dem Abende ihres nächtlichen Be⸗ gegnens faſt nicht mehr aus dem Sinn gekommen; doch nahm Riderhood in demſelben eine ganz andere Stelle ein, als die des Verfolgers; und Bradley hatte ſich die Mühe gegeben, ſo viele Pläne zu erſinnen, um ihm jene Stelle anzupaſſen und ihn in dieſelbe hineinzuzwängen, daß ſein Geiſt nicht die Möglichkeit erfaſſen konnte, daß er eine andere einnehmen würde. Und dies iſt wieder ein Zauberbann, gegen den der Blutvergießer ſich ver⸗ gebens zu ſichern ſucht. Es giebt fünfzig Thüren, durch
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welche die Entdeckung hereinkommen mag. Mit unſäg⸗ licher Mühe und Schlauheit verſchließt und verriegelt er neunundvierzig derſelben und kann nicht ſehen, daß die fünfzigſte weit offen ſteht.
Und jetzt war er zu einer Gemüthsverfaſſung ver⸗ dammt, die marternder und unerträglicher iſt, als ſelbſt Gewiſſensbiſſe. Er hatte keine Gewiſſensbiſſe; aber der Miſſethäter, der dieſem Rächer die Spitze bieten kann, vermag nicht, der langſameren Folterqual zu entgehen, mit der er die böſe That immer wiederholt und wirkſamer ausführt. In den Vertheidigungen und angeblichen Be⸗ kenntniſſen von Mördern kann man dem rächenden Schat⸗ ten dieſer Qual durch jede Lüge hindurch folgen, die ſie vorbringen. Iſt es wohl denkbar, daß ich, falls ich es gethan, wie man angegeben, dieſes und jenes Verſehen begangen haben würde? Hätte ich es gethan, wie man angegeben, würde ich da wohl jene Stelle unbeachtet ge⸗ laſſen haben, die dieſer falſche und gottloſe Zeuge ſo ſchändlich gegen mich vorbringt? Der Gemüthszuſtand des Elenden, der fortwährend die ſchwachen Punkte in ſeinem Verbrechen entdeckt und ſie zu ſtärken verſucht, wenn daſſelbe nicht mehr anders zu vollführen, iſt ein Zuſtand, der das Vergehen noch vergrößert, indem es ihn die That, anſtatt einmal, tauſendmal begehen macht; aber es iſt zugleich ein Zuſtand, der dieſelbe höhnend jedesmal mit ſeiner ſchwerſten Strafe an der trotzigen, verſtockten Natur rächt.
Bradley wanderte mühſam weiter, ſchwer an den Ge⸗ danken ſeines Haſſes und ſeiner Rache gekettet, und über⸗ legend, in welcher Weiſe er beide weit beſſer hätte be⸗ friedigen können, als in der Weiſe, die er gewählt hatte. Das Werkzeug hätte ein beſſeres, der Ort und die Stunde hätten beſſer gewählt ſein können. Es war ganz gut, einem Menſchen im Finſtern am Rande eines Fluſſes im Rücken mit Schlägen zu Leibe zu gehen, aber er hätte ihn augenblicklich kampfunfähig machen ſollen; wohin⸗ gegen derſelbe ſich umgewandt und ſeinen Angreifer ge⸗ packt hatte; weshalb er, um der Sache ein Ende zu machen, ehe zufällige Hülfe herbeikäme, ihn, um ihn los zu werden, eiligſt rücklings in den Fluß geworfen, ehe er noch das Leben ganz in ihm erſchlagen? Wenn es daher noch einmal gethan werden konnte, ſo mußte es nicht in dieſer Weiſe gethan werden. ſeinen Kopf eine Weile unter dem Waſſer feſtgehalten. Geſetzt, der erſte Schlag wäre wirkſamer geweſen. Ge⸗ ſetzt, er hätte ihn erſchoſſen. Geſetzt, er hätte ihn er⸗ droſſelt. Geſetzt Dies, geſetzt Das, geſetzt Jenes. Ge⸗ ſetzt Alles, nur kein Entfeſſeln von dem einen Gedanken, denn dies war von einer unerbittlichen Unmöglichkeit.
Die Schule ward am folgenden Tage wieder geöffnet. Die Schüler ſahen wenig oder gar keine Veränderung im Geſichte ihres Lehrers, denn daſſelbe trug ſtets denſelben ſchwerfällig arbeitenden Ausdruck. Doch während er die Klaſſen ihre Aufgaben herſagen hörte, war er fortwäh⸗ rend mit der Verübung der That beſchäftigt und verübte er dieſelbe ſtets beſſer. Wie er mit dem Stückchen Kreide vor der ſchwarzen Tafel ſtillſtand, ehe er auf derſelben ſchrieb, dachte er an die Stelle, und ob das Waſſer ein wenig höher hinauf oder ein wenig weiter abwärts nicht tiefer ſei und mehr geradeaus falle. Er dachte faſt daran, ein paar Linien auf der Tafel zu ziehen, um ſich zu zei⸗ gen, was er meine. Beim Morgengebet, beim Kopfrechnen, während all ſeiner Schulfragen, den ganzen Tag lang that er es immer und immer noch einmal und verbeſſerte die Art und Weiſe.
Charley Hexam war jetzt in einer andern Schule unter einem andern Oberlehrer ſelber ein Lehrer. Es war Abend und Bradley ging in ſeinem Garten ſpazieren,
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