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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
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Boz, Unſer ge

Sie mir, als mit mir auf gleichem Fuße ſtehend, vor⸗ ſtellen? Falls mein Geiſt Sie mir als auf gleicher Stufe mit mir vorſtellen könnte, ſo würden Sie nicht Sie ſein. Wie könnte ich mich dann des Abends er— innern, an dem ich Sie zum erſten Male ſah, und aus dem Zimmer ging, weil Sie mich ſo aufmerkſam an⸗ ſchauten? Oder jener Nacht, die in Morgen überging, als Sie mich auf die Nachricht vorbereiteten, daß mein Vater todt ſei? Oder der Abende, an deneſt Sie mich in meiner nächſtfolgenden Wohnung zu beſuchen pflegten? Oder Ihrer Entdeckung von meiner Unwiſſenheit und des Unterrichts, den Sie mir zu Theil werden ließen? Oder meiner Verehrung und Bewunderung für Sie, wie ich Sie zu Anfang für ſo gut hielt daß Sie ſich überhaupt um mich bekümmerten?“

„Nur ‚zu Anfange“ hielteſt Du mich für ſo gut, Lizzie? Wofür hielteſt Du mich nach„zu Anfange“? Für ſo ſchlecht?“

Aber

„Das ſage ich nicht. Das meine ich nicht.

nach der erſten Verwunderung und Freude darüber, von von

Jemand beachtet zu werden, der ſo verſchieden war

Allen, die bisher zu mir geſprochen, fing ich zu fühlen an, daß es beſſer für mich geweſen, wenn ich Sie nie geſehen hätte.“

„Warum?“

„Eben weil Sie ſo verſchieden waren,“ antwortete ſie mit leiſer Stimme.„Weil es ſo endlos, ſo hoffnungs— los war. Schonen Sie mich!“

„Dachteſt Du gar nicht für mich, Lizzie? fragte er, wie wenn er ſich ein wenig gekränkt fühle.

„Nicht viel, Mr. Wrayburn. Bis heute Abend nicht viel.“—

„Willſt Du mir ſagen, warum nicht?“

„Ich dachte bis heute Abend niemals, daß Sie deſſen bedürften. Aber wenn Sie deſſen wirklich bedürfen; falls Sie in ihrem innerſten Herzen fühlen, daß Sie in der That das für mich geweſen, was Sie ſich heute Abend genannt, und daß uns in dieſem Leben nichts weiter übrig bleibt, als Trennung, dann helfe Ihnen Gott, dann ſegne Sie Gott!“

Die Reinheit, mit der ſie in dieſen Worten Etwas von ihrer eigenen Liebe und ihrem eigenen Schmerze aus—

Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.

6 Der Abſchied am Fluſſe.

meinſchaftlicher Freund. 578

drückte, machte für den Augenblick einen tiefen Eindruck auf ihn. Er hielt ſie, faſt wie wenn der Tod ſie für ihn geweiht, und küßte ſie ein einziges Mal, faſt wie er eine Todte geküßt hätte.

„Ich verſprach, daß ich Dich nicht begleiten, Dir nicht folgen wolle; ſoll ich Dich im Auge behalten? Du biſt erregt geweſen, und es fängt an finſter zu werden.“

„Ich bin daran gewöhnt, um dieſe Zeit allein auszu⸗ gehen, und ich bitte Sie, es nicht zu thun.“

„Ich verſpreche es Dir. Ich bin Dir heute Abend nichts weiter zu verſprechen im Stande, ausgenommen, daß ich verſuchen will, was ich zu thun vermag.“

„Es giebt nur ein Mittel, Mr. Wrayburn, wie Sie ſich ſelber und mich in jener Hinſicht ſchonen können. Verlaſſen Sie morgen früh dieſe Gegend.“

„Ich will's verſuchen.“

Wie er in ernſtem Tone dieſe Worte ſprach, legte ſie ihre Hand in die ſeinige, zog dieſelbe wieder zurück und ging am Flußufer fort.

„Ob Mortimer dies wohl glauben würde?“ murmelte

578.)

(Seite:

Eugen, noch eine Weile an der Stelle ſtehen bleibend, an der ſie ihn verlaſſen hatte.„Vermag ich ſelber ſogar es zu glauben?“

Er ſprach dies in Bezug auf den Umſtand, daß ſeine Hände, wie er ſich mit denſelben die Augen bedeckte, von Thränen naß waren.„Dies wäre eine höchſt lächerliche Lage, falls man in derſelben entdeckt würde!“ war ſein nächſter Gedanke. Und der nächſte faßte in einem kleinen erwachenden Groll gegen die Urſache dieſer Thränen Wurzel.

„Und dennoch habe ich eine erſtaunliche Macht über ſie gewonnen, wie ſehr ſie immer im Ernſte ſein mag!“

Dieſer Gedanke führte ihm wieder die Hingebung ihres Geſichts und ihrer Geſtalt vor die Seele, wie ſie vor ſeinem Blicke zuſammengeſunken. In der Betrach⸗ tung dieſes Bildes war es ihm zum zweiten Male, als ob er in dem Flehen und dem Bekenntniſſe der Schwäche einige Furcht entdeckte.

„Und ſie liebt mich. Und ein ſo ernſtlicher Charakter muß es mit dieſer Leidenſchaft ſehr ernſtlich nehmen. Sie

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