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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
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Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.

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Worte eine ſo tiefe Rührung bereiten könne. Aber be⸗ urtheile mich nicht zu hart. Du weißt nicht, welcher Art meine Gefühle in Bezug auf Dich ſind. Du weißt nicht, wie Du mich verfolgſt und verwirrſt. Du weißt nicht, wie die verdammte Gleichgültigkeit, die ſich mir ſonſt bei jeder Wendung meines Lebens ſo dienſtfertig zeigt, mir hier ihren Beiſtand verſagt. Ich glaube, Du haſt die⸗ ſelbe in mir todtgeſchlagen, und ich wünſche zuweilen, daß Du mich zugleich mit ihr todtgeſchlagen hätteſt.“

Sie war auf eine ſo leidenſchaftliche Sprache nicht gefaßt geweſen, und dieſelbe erweckte einige natürliche Fun⸗ ken weiblichen Stolzes und Vergnügens in ihrer Bruſt; indem ſie bedachte, daß er ſie, ſo unrecht er that, doch ſehr liebte, und ſie die Macht hatte, ihn ſo tief zu be⸗ wegen.

„Es thut Ihnen leid, mich bekümmert zu ſehen, und es thut mir leid, Sie bekümmert zu ſehen, Mr. Wrayburn. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Gewiß, ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Sie haben dies nicht gefühlt, wie ich es fühle, weil Sie ſo verſchieden ſind von mir, und weil Sie von einem anderen Geſichtspunkte aus⸗ gehen. Sie haben nicht überlegt. Aber ich flehe Sie an, uͤberlegen Sie jetzt, überlegen Sie jetzt!“

„Was ſoll ich überlegen?“ fragte er mit Bitterkeit.

„Denken Sie an mich.“

„Sage mir, wie ich nicht an Dich denken ſoll, Lizzie, und dann wirſt Du mich gänzlich umwandeln.“

„Ich meine nicht in jener Weiſe. Denken Sie an mich, als einem andern Lebensrange angehörig, als in Ehren völlig von Ihnen abgeſchnitten. Erinnern Sie ſich, daß ich keinen Beſchützer bei mir habe, falls ich denſelben nicht in Ihrem edlen Herzen beſitze. Achten Sie meinen guten Namen. Falls Sie in einer Beziehung Gefühle für mich hegen, wie wenn ich eine vornehme Dame wäre, ſo geſtatten Sie mir durch Ihr edles Be⸗ tragen die vollen Rechte einer vornehmen Dame. Ich bin Ihnen und Ihrer Familie, in meiner Eigenſchaft als Arbeiterin, gänzlich entrückt. Wie ächt gentlemänniſch wäre es, wenn Sie mich mit einer Rückſicht behandelten, wie wenn ich Ihnen als Königin entrückt wäre!“

Der Mann, den ein ſolches Flehen ungerührt gelaſſen, wäre in der That ein Böſewicht geweſen. Sein Geſicht drückte Beſchämung und Unentſchloſſenheit aus, indem er fragte:„Habe ich Dir ein ſo großes Unrecht angethan, Lizzie?“

„Nein, nein. Sie können es noch wieder gut machen. Ich rede nicht von der Vergangenheit, Mr. Wrayburn, ſondern von der Gegenwart und von der Zukunft. Sind wir jetzt nicht hier beiſammen, weil Sie mich zwei Tage lang ſo beſtändig verfolgt haben, wo es ſo viele Augen gab, um Sie zu beobachten, daß ich, um ſolcher Beob⸗ achtung zu entgehen, in dieſe Zuſammenkunft einwilligte?“

„Das iſt abermals nicht ſchmeichelhaft für meine Selbſtliebe,“ ſagte Eugen düſter;„aber ja. Ja. Ja.“

„Dann bitte ich Sie und flehe ich Sie an, Mr. Wrayburn, dieſe Gegend zu verlaſſen. Bedenken Sie, woßi Sie mich zwingen werden, wenn Sie dies nicht thun.“

Er dachte einen Augenblick für ſich darüber nach und entgegnete dann:„Wozu ich Dich zwinge? Wozu werde ich Dich zwingen, Lizzie?“

„Sie werden mich von hier forttreiben. Ich lebe hier geachtet und in Frieden und habe gute Beſchäftigung. Sie werden mich dieſen Ort zu verlaſſen zwingen, wie ich London verließ, und— indem Sie mir abermals folgen— den nächſten Ort zu verlaſſen zwingen, in dem ich eine Zuflucht finde, wie ich dieſen werde verlaſſen haben.“

„Biſt Du ſo entſchloſen,— Lizzie— verzeih' mir den Ausdruck, deſſen ich mich bedienen werde, um ſeiner buchſtäblichen Richtigkeit willen— einen Liebhaber zu fliehen?“

„So entſchloſſen bin ich,“ erwiderte ſie mit Entſchie⸗ denheit, obwohl mit Beben,„einen ſolchen Liebhaber zu fliehen. Es ſtarb hier vor Kurzem eine arme Frau, viele, viele Jahre älter als ich, die ich zufällig auf dem naſſen Boden fand. Sie haben vielleicht etwas über ſie ge⸗ hört?“

1„Ich glaube ja,“ antwortete er,„falls ſie Higden hieß.“

„Sie hieß Higden. Obgleich ſie ſo alt und ſchwach war, blieb ſie einem gewiſſen Vorſatze doch bis zuletzt getreu. Selbſt zu allerletzt nahm ſie mir das Verſprechen ab, daß nach ihrem Tode ihr Vorſatz geachtet werden ſolle— ſo groß war ihre Feſtigkeit. Das, was ſie that, kann auch ich thun. Mr. Wrayhurn, falls ich glaube — aber ich glaube dies nicht— Jaß Sie grauſam ge⸗ nug ſein könnten, mich von einem Orte zum andern zu treiben, um meinen Entſchluß zu erſchüttern, ſo ſollten Sie mich in den Tod treiben, ehe Ihnen dies gelänge.“

Er ſchaute gerade in ihr ſchönes Geſicht, und in ſei⸗ nem eigenen ſchönen Geſichte lag eine Miſchung von Be⸗ wunderung, Zorn und Vorwurf, vor der ſie— die ihn heimlich ſo innig liebte, deren Herz ſeit langer Zeit ſo voll geweſen, und er die Urſache ſeines Ueberſtrömens— zuſammenſank. Sie verſuchte mit aller Macht ihre Feſtig⸗ keit zu bewahren, aber er ſah dieſelbe unter ſeinen Augen zerſchmelzen. In dem Augenblicke, da dieſelbe nieder⸗ brach und er die volle Ausdehnung ſeines Einfluſſes auf ſie erkannte, ſank ſie zuſammen und er fing ſie in ſeinem Arme auf.

„Lizzie! Bleibe einen Augenblick ſo. Beantworte, was ich fragen werde. Würdeſt Du, falls ich nicht von Dir abgeſchnitten, Dir entrückt geweſen, wie Du es nennſt— würdeſt Du mich dann Dich zu verlaſſen an— gefleht haben?“

„Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Fragen Sie mich nicht, Mr. Wrayburn. Laſſen Sie mich zurückgehen.“

„Ich ſchwöre Dir, Lizzie, daß Du ſogleich gehen ſollſt. Ich will Dich nicht begleiten, will Dir nicht folgen, wenn Du mir antworten willſt.“

„Wie kann ich das, Mr. Wrayburn? Wie kann ich Ihnen ſagen, was ich gethan haben würde, falls Sie nicht geweſen, was Sie ſind?“

„Falls ich nicht das geweſen, als was Du mich dar⸗ ſtellſt,“ unterbrach er ſie, geſchickt ihre Worte verdrehend, „würdeſt Du mich dennoch gehaßt haben?“

„O, Mr. Wrayburn,“ erwiderte ſie flehend und wei⸗ nend,„Sie verſtehen mich zu gut, als daß Sie das von mir glauben könnten!“

„Würdeſt Du, falls ich nicht das geweſen, als was Du mich darſtellſt, dennoch gleichgültig gegen mich ge⸗ weſen ſein, Lizzie?“

Es lag in ihrer ganzen Haltung, wie er ihre Geſtalt unterſtützte und ſie den Kopf ſinken ließ, Etwas, das ihn barmherzig zu ſein und ſie nicht zur Aufdeckung ihres Herzens zu zwingen anzuflehen ſchien. Er hatte kein Erbarmen mit ihr und zwang ſie, dies dennoch zu thun.

„Falls ich Dich zu gut kenne, um zu glauben(ich unglückſeliger Kerl!), daß Du mich haſſeſt oder ſelbſt nur völlig gleichgültig gegen mich biſt, Lizzie, ſo laß mich nur dies noch wiſſen, ehe wir uns trennen, Lizzie. Laß mich wiſſen, wie Du an mir gehandelt haben würdeſt, falls Du mich als mit Dir auf gleichem Fuße ſtehend betrachtet hätteſt.“

„Es iſt unmöglich, Mr. Wrayburn. Wie kann ich

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