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Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 60
derung, die Dir in der Zukunft bevorſteht, wirſt Du ſelbſt ſchon nächſten Monat viel glücklicher ſein und viel beſſer fortkommen. Schon nächſten Monat— ja ſchon nächſte Woche.“
„Woher weißt Du dies?“
„Ich weiß nicht genau, wie dies geſchehen wird, Char⸗ ley, aber ich weiß, daß es geſchehen wird.“ Ungeachtet ihres unveränderten Weſens im Sprechen und ihrer un⸗ veränderten gelaſſenen Ruhe wagte ſie doch kaum, ihn anzuſchauen, und hielt ihre Blicke auf das Brod ge⸗ gerichtet, das ſie für ihn ſchnitt und mit Butter beſtrich, und beſchäftigte ſich emſig mit dem Einſchenken ſeines Thees und anderen derartigen kleinen Vorbereitungen. „Du mußt den Vater mir überlaſſen, Charley— ich will für ihn thun, was ich thun kann— aber Du mußt gehen.“.
„Du machſt keine Umſtände, wie mir ſcheint,“ brummte der Knabe, indem er verdrießlich ſeine Butterbrodſchnitte hinwarf.
Sie gab ihm keine Antwort.
„Ich will Dir was ſagen,“ ſagte der Knabe dann, in ein zorniges Weinen ausbrechend,„Du biſt ein ſelbſt⸗ ſüchtiges Geſchöpf,— Du meinſt, es ſei nicht genug für uns alle Drei vorhanden, und willſt mich Dir deshalb vom Halſe ſchaffen.“
„Wenn Du das glaubſt, Charley,— ja, dann glaube auch ich, daß ich ein ſelbſtſüchtiges Geſchöpf bin, und daß nicht genug für uns alle Drei vorhanden, und daß ich
Dich mir vom Halſe ſchaffen will.“
Erſt, als der Knabe ſich auf ſie ſtürzte und ſie mit den Armen umſchlang, verlor ſie ihre Faſſung. Doch da verlor ſie dieſelbe in der That, und weinte über ihn.
„Weine nicht, weine nicht! Ich bin's zufrieden, fort⸗ zugehen, Liz; ich bin's zufrieden. Ich weiß, daß Du mich zu meinem Beſten fortſendeſt.“
„O, Charley, Charley, der Himmel dort oben weiß dies!“
„Ja, ja doch. Denke nicht mehr an das, was ich geſagt habe. Vergiß es. Küſſe mich.“
Nach einer Weile ließ ſie ihn los, um ihre Augen zu trocknen und ihren ſtarken Einfluß wiederzugewinnen.
„Jetzt hör' mich an, lieber Charley. Wir wiſſen Beide, daß es gethan werden muß, und ich allein weiß, daß guter Grund vorhanden, daß es ſofort gethan werde. Geh' direct nach der Schule und ſage, daß wir Beide mit einander darüber einig geworden— daß wir des Vaters Oppoſition nicht zu uͤberwinden im Stande ſind — daß aber der Vater ſie niemals beläſtigen, Dich nie wieder zurücknehmen wird. Du machſt der Schule Ehre, und wirſt derſelben noch größere Ehre machen, und man wird Dir helfen, um Dir einen Lebenserwerb zu ver⸗ ſchaffen. Zeige ihnen die Kleider, die Du mitbringſt, und das Geld, und ſage ihnen, daß ich noch mehr Geld ſenden will. Wenn ich daſſelbe auf keine andere Weiſe erlangen kann, ſo will ich jene beiden Herren, die an jenem Abend hierher kamen, um etwas Unterſtützung bitten.“
„Hör' mal!“ rief ihr Bruder ſchnell.„Laß' Dir nichts von dem Burſchen geben, der mich an's Kinn faßte! Nimm nichts von jenem Wrayburn an!“
Es ſtieg vielleicht eine leichte Röthe in ihre Wangen und ihre Stirne, als ſie kopfnickend die Hand auf ſeine Lippen legte, damit er ſchweige und Acht gebe.
„Und vor allen Dingen vergiß dies Eine nicht, Char⸗ ley! Sprich ſtets gut vom Vater. Gieb dem Vater ſtets alles Lob, das ihm gebührt. Du kannſt nicht leug⸗ nen, daß der Vater, weil er ſelbſt nichts gelernt hat, dagegen ſei, daß Du Etwas lerneſt; aber beſtätige nichts,
das man ſonſt gegen ihn ſagen mag, und verſichere jeden⸗ falls, daß Deine Schweſter— und dies weißt Du— ihm von ganzem Herzen ergeben iſt. Und falls Du je Etwas gegen den Vater ſagen hörſt, das Dir neu, ſo iſt dies nicht wahr. Hörſt Du, Charley! es iſt nicht wahr!“
Der Knabe ſchaute ſie mit zweifelnder und überraſchter Miene an, doch fuhr ſie, ohne darauf zu achten, fort.
„Dies darfſt Du vor allen Dingen nicht vergeſſen. Es iſt nicht wahr. Ich habe Dir weiter nichts zu ſagen, lieber Charley, ausgenommen— ſei brav und lerne und erinnere Dich gewiſſer Dinge hier in Deinem alten Leben, als ob Du ſie vorige Nacht nur im Traum geſehen. Adieu, mein Herzensbruder!“
Obgleich noch ſo jung, legte ſie doch in dieſe Scheide⸗ worte eine Zärtlichkeit, die mehr der Liebe einer Mutter, als der einer Schweſter glich, und von der der Knabe völlig daniedergebeugt war. Nachdem er ſie mit einem leidenſchaftlichen Schmerzensſchrei an die Bruſt geriſſen, nahm er ſchnell ſein Bündel auf und ſtürzte, einen Arm vor die Augen haltend, zur Thür hinaus.
Das weiße Geſicht des Wintermorgens kam träge und von einem kalten Nebel umſchleiert heran; und die ſchattenhaften Schiffe auf dem Fluſſe verwandelten ſich in ſchwarze Subſtanzen; und die Sonne, die blutroth jenſeit der öſtlichen Marſchen, hinter dunklen Maſten und Segelſtangen emporſtieg, ſah aus, als ob ſie mit den Truͤmmern des Waldes angefüllt ſei, den ſie in Brand geſetzt. Lizzie, die nach ihrem Vater ausſchaute, ſah ihn kommen und trat in die Straße hinaus, damit er ſie ſähe.
Er brachte nichts, als ſein Boot, und kam ſchnell heran. Eine Gruppe von jenen amphibiſchen menſch⸗ lichen Geſchöpfen, die eine geheimnißvolle Macht zu be⸗ ſitzen ſcheinen, um, indem ſie daſſelbe anſchauen, einen Lebensunterhalt aus dem Waſſer zu ſchöpfen, ſtand auf der Straße umher. Als das Boot ihres Vaters an's Ufer ſtieß, verſenkten Jene ihre Blicke in die Modde und verzogen ſich. Sie ſah, daß das ſtumme Meiden be⸗ gonnen habe.
Gaffer ſah dies ebenfalls, inſofern, als er ſich, indem er den Fuß auf's Ufer ſetzte, umherzuſchauen bewogen fühlte. Doch machte er ſich ſchnell an's Werk, ſein Boot auf den Strand zu ziehen und feſtzumachen, und dann das Steuer, die Ruder und Taue aus demſelben heraus⸗ zunehmen. Dann trug er Alles mit Lizzie's Hülfe nach ſeiner Wohnung.
„Setze Dich dicht vor's Feuer, lieber Vater, währen d ich Dein Frühſtück herrichte. Es iſt Alles zum Her⸗ richten bereit und hat nur auf Dich gewartet. Du mußt halb erſtarrt ſein.“
„Nun, Lizzie, ich glühe eben nicht; das iſt gewiß. Und was meine Hände betrifft, ſo war mir's als ob ſie an die Ruder feſtgenagelt wären. Sieh nur, wie ab⸗ geſtorben ſie ſind!“ Ein Etwas in der Farbe ſeiner Hände und vielleicht in ihrem Geſicht frappirte ihn, als er erſtere emporhielt; er wandte ſich ab und hielt ſie vor's Feuer.
„Ich hoffe, Du warſt in dieſer beißend kalten Nacht nicht auf dem Fluſſe, Vater.“
„Nein, mein Kind. Ich lag auf einer Barke, vor einem hellen Kohlenfeuer.— Wo iſt der Junge?“
„Hier iſt ein Tropfen Rum zu Deinem Thee, Vater, willſt Du einen dazugießen, während ich das Fleiſch um⸗ wende? Es würde großes Elend geben, wenn der Fluß zufröre, wie, Vater?“
„Ah, deſſen giebt es ſtets genug,“ ſagte Gaffer, in⸗ dem er den Rum aus einer unterſetzten, ſchwarzen Flaſche in ſeine Taſſe tröpfelte, und zwar langſam, damit es um
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