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61 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 62
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ſo mehr erſcheine;„das Elend iſt ſtets im Gange, wie der Ruß in der Luft.— Iſt der Junge noch nicht auf?“
„Hier iſt das Fleiſch, Vater. Iß es, ſo lange es eiß und ſchmackhaft iſt. Und dann, wenn Du damit beis biſt, wollen wir uns vor's Feuer ſetzen und plaudern.“
Aber er merkte, daß ſie ihm auswich, und nachdem er einen ſchnellen, zornigen Blick auf das Feldbett ge⸗ worfen, zupfte er an ihrer Schürze und fragte:„Was iſt aus dem Jungen geworden?“
„Vater, wenn Du anfangen wirſt zu frühſtücken, ſo will ich mich zu Dir ſetzen und es Dir ſagen.“
Er ſchaute ſie an, rührte ſeinen Thee um und trank ein paar Schluck; dann zerſchnitt er ſein heißes Beef⸗ ſteak mit ſeinem großen Taſchenmeſſer und ſagte, eſſend:
„Jetzt, alſo, was iſt aus dem Jungen geworden?“
„Werde nicht böſe, lieber Vater. Es ſcheint, Vater, daß er eine förmliche Gabe für's Lernen hat.“
„Der unnatürliche, junge Lump!“ ſagte der Vater, das Meſſer in der Luft ſchwingend.
„— Und da er dieſe Gabe hat, und in anderen Dingen nicht ſo viel leiſtet, hat er ſich eben entſchloſſen, Etwas in der Schule zu lernen.“
„Der unnatürliche, junge Lump!“ wiederholte der Vater mit der vorigen Bewegung.
„— Und da er wußte, daß Du nichts übrig habeſt, Vater, und Dir nicht zur Laſt zu fallen wünſchte, kam er allmälig zu dem Entſchluſſe, ſein Glück in der Ge⸗ lehrſamkeit zu ſuchen. Er ging heute Morgen, Vater, und er weinte bitterlich und hoffte, daß Du ihm ver⸗ geben werdeſt.“ 3
„Laß ihn mir nie wieder nah kommen, um mich um Vergebung zu bitten,“ ſagte der Vater, indem er ſeinen Worten abermals mit ſeinem Meſſer Nachdruck verlieh. „Laß ihn mir nie wieder vor die Augen oder in die Nähe meines Armes kommen. Sein eigener Vater iſt nicht gut genug für ihn. Er hat ſeinen eigenen Vater verſtoßen. Sein eigener Vater verſtößt ihn deshalb auf immer und ewig, als einen unnatürlichen, jungen Lump.“
Er hatte ſeinen Teller vor ſich fortgeſtoßen. In dem natürlichen Bedürfniß eines ſtarken, rohen Mannes im Zorne, etwas Gewaltſames zu thun, packte er jetzt ſein Meſſer mit der Fauſt und ſtieß, am Ende jedes Satzes mit demſelben nach unten; eben wie er mit ſeiner ge⸗ ballten Fauſt zugeſchlagen haben würde, falls dieſelbe nichts gehalten hätte..
„Er mag gehen. Er mag lieber gehen, als bleiben, Doch daß er mir niemals zurückkommt. Laß ihn nie wieder den Kopf durch jene Thür ſtecken. Und ſprich Du mir nie wieder ein Wort zu ſeinen Gunſten, oder Du wirſt Deinen Vater ebenfalls verſtoßen und er wird das⸗ ſelbe, was er jetzt von Jenem ſagt, auch noch von Dir zu ſagen haben. Jetzt ſehe ich wohl, warum jene Leute draußen ſich fern von mir hielten. Sie ſprachen zu ein⸗ ander:„Hier kommt der Mann, der für ſeinen eigenen Sohn nicht gut genug iſt! Lizzie—!“
Ein Schrei von ihr machte ihn ſchweigen. Indem er ſie anſchaute, ſah er ſie mit einem Geſichte, wie er ſie noch nie geſehen, mit den Händen vor den Augen an die Wand zurückweichen.
„Vater, thu' das nicht? Ich kann's nicht ertragen, Dich damit zuſtoßen zu ſehen. Lege es nieder!“
„Er blickte auf das Meſſer, behielt daſſelbe jedoch in ſeinem Erſtaunen in der Hand.
„Vater es iſt zu fürchterlich. O, lege es nieder, lege es nieder!“
Ueber ihr Ausſehen und ihre Worte beſtürzt, warf er das Meſſer fort, und ſtand die offenen Hände vor ſich hinhaltend, auf.
„Was fällt Dir ein, Liz? Kannſt Du glauben, daß ich mit einem Meſſer nach Dir zu ſtoßen im Stande wäre?“
„Nein, Vater, nein; Du würdeſt mir nie Etwas zu Leide thun.“
„Wem ſollt' ich Etwas zu Leide thun?“
„Niemandem, lieber Vater. Auf meinen Knieen ver⸗ ſichere ich Dir, aus tiefſter Seele und tiefſtem Herzen verſichere ich Dir, daß ich überzeugt bin, daß Du Nie⸗ mandem Etwas zu Leide thun würdeſt! Aber es war zu fürchterlich, denn es ſah aus—“; ihre Hände bedeckten wieder ihr Geſicht,„o, es ſah aus—“
„Wie ſah es aus?“
Die Erinnerung an ſeine mörderiſche Geſtalt, ver⸗ bunden mit dem, was ſie am vorigen Abend und an die⸗ ſem Morgen gelitten, machte ſie zu ſeinen Füßen hin⸗ ſinken, ohne ihm geantwortet zu haben.
Er hatte ſie ſo noch nie geſehen. Er hob ſie mit der größten Zärtlichkeit auf, indem er ſie die beſte aller Töch⸗ ter, und„mein armes, hübſches Geſchöpfchen“ nannte, und legte ihr Haupt auf ſeine Kniee, und verſuchte, ſie wieder in's Bewußtſein zurückzurufen. Da ihm dies je⸗ doch nicht gelang, legte er ihren Kopf wieder ſanft auf den Boden, holte ein Kiſſen und ſchob daſſelbe unter ihr dunkles Haar, und ſuchte dann auf dem Tiſche nach einem Löffelchen Rum. Da indeſſen kein Rum mehr übrig ge⸗ blieben, nahm er ſchnell die leere Flaſche und eilte damit aus dem Zimmer..
Er kehrte ebenſo eilig zurück, und zwar mit der leeren Flaſche. Er kniete neben ihr nieder, nahm ihren Kopf in ſeinen Arm und benetzte ihre Lippen mit ein wenig Waſſer, wobei er, bald über die eine, bald über die altere Schulter blickend, wüthend vor ſich hin ſprach:
„Haben wir etwa die Peſt im Hauſe? Klebt meinen Kleidern etwas Tödtliches an? Was iſt gegen uns los⸗ gelaſſen? Wer hat es losgelaſſen?
Siebentes Capitel. Mr. Wegg ſchaut nach ſeinem Intereſſe.
Silas Wegg iſt auf dem Wege nach dem römiſchen Reiche und begiebt ſich über Clerkenwell dorthin. Es iſt frühe am Abend und das Wetter feucht und kalt. Mr. Wegg findet Muße, einen kleinen Umweg zu machen, indem er jetzt, da er noch eine andere Quelle des Ein⸗ kommens zu demſelben hinzugefügt, ſeinen Schirm etwas früher zuſammenklappte und da er es ſich außerdem ſelber ſchuldig zu ſein glaubt, ſich ängſtlich in der Laube er⸗ warten zu laſſen.„Boffin wird durch ein wenig Warten nur um ſo begieriger werden,“ ſagt Silas, indem er, wie er ſeines Weges dahinſtampft, bald mit dem rechten und bald mit dem linken Auge blinzelt. Was bei ihm eigent⸗ lich überflüſſig iſt, da die Natur ſeine Augen bereits klein genug gemacht hat.
„Falls ich mit ihm fortkomme, wie ich es erwarte,“ fährt Silas ſtampfend und ſinnend fort,„ſo würde es ſich nicht für mich paſſen, es dabei bewenden zu laſſen. Es würde nicht reſpectabel ſein.“ Von dieſer Idee be⸗ lebt, ſtampfte er ſchneller dahin und ſchaut eine weite Strecke vor ſich hinaus, wie Leute, die mit einem ehrgei⸗ zigen Vorhaben umgehen, dies häufig thun.
Da es ihm bekannt iſt, daß eine Goldarbeiter⸗Be⸗ wohnerſchaft unter dem Heiligthum der Kirche zu Clerken⸗
well Schutz ſucht, iſt Mr. Wegg ſich eines gewiſſen In⸗


