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57 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 58
„Gute Nacht, Miß!“ ſagte Lizzie Hexam kummervoll.
„Ah! Gute Nacht!“ erwiderte Miß Abbey kopf⸗ ſchüttelnd.
„Glauben Sie mir, Miß Abbey, daß ich Ihnen nichtsdeſtoweniger aufrichtig dankbar bin.“.
„Ich kann ziemlich viel glauben,“ entgegnete die er⸗ habene Abbey,„und ich will deshalb verſuchen, auch das
zu glauben, Lizzie.“
Miß Potterſon genoß an dieſem Abend kein Nacht⸗ eſſen und nur die Hälfte von ihrem gewohnten Glaſe Punſch. Und die Stubenmädchen— zwei robuſte Schwe⸗ ſtern, mit ſtierenden, ſchwarzen Augen, blanken, flachen, rothen Geſichtern, ſtumpfen Naſen und krauſen, ſchwarzen Locken, wie ein Paar Puppen— tauſchten die Anſicht aus, daß„Jemand der Miſſes das Haar nach der ver⸗ kehrten Seite geſtrichen.“ Und der Kellner verſicherte ſpäter, daß er, ſeit ſeine ſelige Mutter das letztemal ſein Zurückziehen zur Nachtruhe durch das Schüreiſen be⸗ ſchleunigt, nicht„ſo zu Bette gejagt worden.“
Das Zuketten der Hausthür hinter ihr raubte Lizzie Hexam das Gefühl der Erleichterung, das ſie zu Anfang empfunden. Die Nacht war ſchwarz und windig, die Flußuferwildniß öde und traurig, und in dem Klirren der eiſernen Kette und dem Scharren der Riegel unter Miß Abbey's verſchließender Hand lag ein Klang des Ausgeſtoßenſeins. Als ſie unter den düſteren Himmel hintrat, ſenkte ſich ein Gefühl auf ſie herab, wie wenn ſie an einem Morde betheiligt ſei; und wie die Wellen des Fluſſes ſich zu ihren Füßen am Strande brachen, ohne daß ſie ſah, von wo dieſelben kamen, ſo erſchreckten ihre Gedanken ſie, indem ſie aus einer unſichtbaren Wildniß heranrauſchten und ſich auf ihr Herz warfen.
Daß ihr Vater grundlos beargwohnt werde, davon fühlte ſie ſich überzeugt. Feſt— feſt überzeugt. Und dennoch folgte, wie oft ſie ſich dies im Innern wieder⸗ holen mochte, ſtets der Verſuch darauf, dies durch Ver⸗ nunftgründe zu beweiſen, und der ſchlug jedesmal fehl. Riderhood hatte die That begangen und ihren Vater in ſeiner Schlinge gefangen. Riderhood hatte die That nicht begangen, aber in ſeiner Bosheit beſchloſſen, den Schein, der gegen ihren Vater vorhanden war, gegen ihn zu benutzen und zu verdrehen. Sogleich und mit Blitzes⸗ ſchnelle folgte jeder Annahme die fürchterliche Möglich⸗ keit, daß ihr Vater, obwohl in der That unſchuldig, ſchließlich für ſchuldig gehalten werden könne. Sie hatte von Leuten gehört, die den Tod für eine blutige That erlitten, deren ſie ſpäter ſchuldlos erwieſen worden, und jene unglücklichen Leute waren vorher nicht jenes gefähr⸗ lichen Unrechts verdächtig geweſen, deſſen ihr Vater ſich ſchuldig machte. Im beſten Falle war es ein entſchiede⸗ nes Factum, daß man anfing, auf ihn hinzudeuten, gegen ihn zu flüſtern und ihn zu vermeiden. Dies datirte ſich von jenem Abende an. Und wie der große, ſchwarze Fluß mit ſeinen öden Ufern in der Finſterniß bald ihren Blicken entſchwand, ſo ſtand ſie da, unfähig, in das große, finſtere Elend eines beargwohnten Lebens hinaus⸗ zuſchauen, von dem die Guten wie die Böſen abgefallen, und dennoch wiſſend, daß daſſelbe undeutlich vor ihr liege und ſich bis zu dem großen Ocean, dem Tode, hinſtrecke.
Nur eins war ihrem Geiſte klar. Von früheſter Kindheit an daran gewöhnt, das zu thun, was es zu thun gab— ob es nun das Wetter, die Kälte oder den Hunger abzuwehren galt—, fuhr ſie aus ihrem Sinnen empor und lief heim.
In dem Zimmer war Alles ſtille und ihre Lampe brannte auf dem Tiſche. Auf dem Feldbette im Winkel lag ihr Bruder und ſchlief. Sie beugte ſich ſanft über ihn, küßte ihn und ging an den Tiſch.
„Der Fluth nach und Miß Abbey's Thürſchließen nach zu urtheilen, muß es ein Uhr ſein. Die Fluth kommt herauf. Der Vater, in Chiswick, wird nicht an's Heimkehren denken, bis die Ebbe eintritt, und dies wird um halb fünf Uhr ſein. Ich will Charley um ſechs Uhr wecken. Ich werde es von den Kirchthürmen ſchla⸗ gen hören, wenn ich hier ſitzen bleibe.“
Sie ſtellte ſehr leiſe einen Stuhl vor das ſpärliche Feuer, und ließ ſich, indem ſie ſich in ihren Shawl hüllte, auf denſelben nieder.
„Ich ſehe Charley's Stelle dort unten bei der Gluth nicht mehr; der arme Charley!“
Es ſchlug zwei Uhr, drei, vier Uhr, und ſie ſaß noch immer mit Frauengeduld und ihrem Vorhaben dort. Als der Morgen ſich der fünften Stunde näherte, zog ſie ihre Schuhe aus(um nicht durch ihre Schritte Charley zu wecken), ſchürte leiſe das Feuer, ſtellte Waſſer zum Sieden auf daſſelbe und richtete den Tiſch zum Frühſtück her. Dann ſtieg ſie mit der Lampe in der Hand die Leiter hinauf, kam wieder herunter und ſchwebte hin und her, einen kleinen Kleiderbündel zuſammenpackend. Schließlich brachte ſie aus ihrer Taſche und vom Kamin⸗ ſims und unter einer umgeſtülpten Schale auf dem höch⸗ ſten Bretterſims einige Kupferpfennige, einige wenige Sixpence, und wenige Schillinge hervor, die ſie emſig und geräuſchlos zählte, und von denen ſie ein kleines Häufchen bei Seite ſtellte. Sie war noch in dieſer Weiſe beſchäftigt, als ſie von ihrem Bruder Charley, der im Bette aufſaß, durch ein„Hollah!“ erſchreckt wurde.
„O, wie Du mich erſchreckt haſt, Charley!“
„Erſchreckt! Haſt Du mich etwa nicht erſchreckt, als ich ſo eben die Augen öffnete und Dich dort, mitten in der Nacht, wie eine junge Geizhälſin ſitzen ſah?“
„Es iſt nicht mitten in der Nacht, Charley. faſt ſechs Uhr Morgens.“
„Wirklich? Doch was haſt Du vor, Liz?“
„Ich zähle Dein Vermögen, Charley.“
„Es ſcheint ein verwünſcht kleines zu ſein, wenn das dort Alles iſt,“ ſagte der Knabe.„Wozu ſtellſt Du je⸗ nes kleine Geldhäufchen bei Seite?“
„Für Dich, Charley.“
„Was meinſt Du damit?“
„Steh' auf, Charley, waſche Dich und kleide Dich an, und dann will ich Dir's ſagen.“
Ihre ruhige Manier und ihre leiſe, klare Stimme übten ſtets ihren Einfluß auf ihn aus. Sein Kopf be⸗ fand ſich bald in einer Schale mit Waſſer, ward dann wieder aus derſelben emporgerichtet und ſchaute ſie durch eine Handtuchwolke hindurch an.
„Ich ſah in meinem Leben,“ keuchte er, indem er ſich mit dem Handtuche bearbeitete, wie wenn er ſein bitter⸗ ſter Feind geweſen,„noch kein ſolches Mädchen, wie Dich. Was iſt nur jetzt los, Liz?“
„Biſt Du fertig, um Deinen Thee zu trinken, Charley?“
„Du magſt ihn immer einſchenken. jetzt? Und ein Kleiderbündel?“
„Ja, ein Kleiderbündel, Charley!“
„Du meinſt doch nicht, daß dies auch für mich iſt?“
„Ja, Charley, das meine ich in der That.“
Mit ernſterem Geſicht und langſameren Bewegungen als bisher beendete der Knabe ſeine Toilette, und kam dann und ſetzte ſich, mit ſtaunenden Blicken auf ihr Ge⸗ ſicht, an das kleine Frühſtück.
„Siehſt Du, lieber Charley, ich bin zur Ueberzeugung gelangt, daß für Dich die Zeit gekommen iſt, uns zu verlaſſen. Ganz abgeſehen von der glücklichen Verän⸗
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Es iſt
Hollah! Was
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