Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.
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ſelbſt befänden.
Im Uebrigen ſchauten ſowohl die Schenke als die Gaſtſtube der Sechs luſtigen Brüder auf den Fluß hin⸗ aus, und die Fenſter derſelben waren mit rothen Vor⸗ hängen verſehen, die mit den Naſen der Stammgäſte harmonirten; außerdem befanden ſich dort bequeme, zin⸗ nerne Kochutenſilien, in Geſtalt einem Zuckerhute ähnlich und in dieſer Form angefertigt, damit ſie mit der nieder⸗ wärts gehenden Spitze ſich die bequemſten Winkel im Kohlenfeuer ausſuchten, um um ſo ſchneller jene herrlichen Getränke, genannt Purl, Flip oder Hundsnaſe, zu wär⸗ men. Die Erſtgenannte dieſer Miſchungen war eine Specialität der„Brüder“, und eine Inſchrift auf den Thürpfoſten appellirte durch die Worte„Frühes Purl⸗ Haus“ ſanft an unſere Gefühle. Denn es ſcheint, daß Purl ſtets in der Frühe getrunken werden muß; obwohl dies durch keinen anderen gaſtriſchen Grund erklärbar, als daß, gleich wie„der früh wache Vogel den Wurm“, der frühe Purl den Kunden fängt. Wir haben nur noch hinzuzufügen, daß ſich im Griffe des Bügeleiſens der Schenke gegenüber ein ſehr kleines Zimmer, von der Ge⸗ ſtalt eines dreieckigen Hutes, befand, in das nie ein directer Strahl der Sonne, des Mondes oder eines Sternes drang, das jedoch abergläubiſcher Weiſe für ein Heiligthum voll Gemüthlichkeit und Bequemlichkeit bei Gaslicht galt, und auf deſſen Thür deshalb der anzie⸗ hende Name„Die Gemüthlichkeit“ ſtand.
Miß Potterſon, die ausſchließliche Beſitzerin und Herrin der Sechs luſtigen Brüder, regierte allein auf ihrem Throne und in der Schenke, und Derjenige, der ſich mit ihr in eine Debatte eingelaſſen, hätte in der That ein auf den Tod Betrunkener ſein müſſen. Da ſie, ihrer eigenen Angabe zufolge, als Miß Abbey Potterſon bekannt war, hegten gewiſſe Köpfe des Flußufers(die, gleich dem Waſſer, nicht an zu großer Klarheit litten) verworrene Ideen, daß ſie, wegen ihrer Würde und Feſtigkeit, nach der Weſtminiſter Abbey getauft oder in irgend einer Weiſe mit derſelben verwandt ſei. Doch war Abbey nur eine Abkürzung von Abigail, der Name, den Miß Potterſon vor einigen ſechzig Jahren in der Kirche von Limehouſe in der Taufe erhalten.
„Jetzt gebt Acht, Ihr Riderhood,“ ſagte Miß Abbey Potterſon mit einem nachdrucksvollen Zeigefinger über der Halbthür,„die„Brüder“ bedürfen Euer durchaus nicht, und möchten viel lieber Euern Platz haben, als Eure Geſellſchaft; doch ſelbſt wenn Ihr hier ſo willkom⸗ men wäret, wie Ihr es nicht ſeid, ſelbſt dann ſolltet Ihr nach dieſem Nößel Bier heute Abend hier keinen Tropfen mehr zu trinken bekommen. Alſo, laßt's Euch geſagt ſein.“.
„Aber Sie wiſſen wohl, Miß Potterſon,“ dies wurde indeſſen mit großer Unterwürfigkeit geſprochen,„wenn ich mich gut aufführe, können Sie nicht umhin, mir zu reichen, was ich verlange.“ 3
„Nicht?“ ſagte Abbey in unausſprechlich bedeutungs⸗ vollem Tone.
„Nein, Miß Potterſon, denn das Geſetz, ſehen Sie—“
„Ich bin hier das Geſetz, mein Freund,“ erwiderte Miß Abbey,„und dies will ich Euch bald zeigen, falls Ihr den geringſten Zweifel darüber hegt.“
„Ich ſagte nie, daß ich es bezweifelte, Miß Potterſon.“
„Deſto beſſer für Euch.“
Abbey, die Erhabene, warf die Pence des Gaſtes in die Schenkkaſſe, kehrte zu ihrem Sitze am Kamin zurück, und nahm die Lectüre der Zeitung wieder auf, mit der ſie beſchäftigt geweſen. Sie war eine hochgewachſene, gerade, hübſche Frau, obgleich von ſtrengen Geſichtszügen, und hatte eher das Ausſehen einer Schulmeiſterin, als einer Schenkwirthin der Sechs luſtigen Brüder. Der Mann auf der Außenſeite der Halbthür war ein Fluß⸗ bootführer mit ſchielendem Blick und er betrachtete ſie, wie wenn er einer ihrer Schüler geweſen, der in Ungnade gefallen.
„Sie ſind grauſam haktigegen mich, Miß Potterſon.“
Miß Potterſon las ſtirnrunzelnd weiter und beachtete nicht, bis er flüſterte:
„Miß Potterſon! Madame! Kann ich wohl ein halbes Wort mit Ihnen reden?“
Als ſie ſich hierauf herabließ, einen Seitenblick auf den Flehenden zu werfen, ſah ſie, wie er ſeine Stirn mit ſeinen Knöcheln bearbeitete und ihr zunickte, wie wenn er um Erlaubniß bäte, ſich kopfüber über die Halbthür zu ſtürzen und in der Schenke auf den Füßen anzu⸗ langen.
„Nun?“ ſagte Miß Potterſon ebenſo kurz, wie ſie ſelbſt lang war,„ſprecht Euer halbes Wort. Heraus damit.“
„Miß Potterſon! Madame! Würden Sie mich ent⸗ ſchuldigen, wenn ich mir die Freiheit nähme, Sie zu fra⸗ gen, ob Sie etwas gegen meinen Charakter einzuwenden hätten?“
„Allerdings,“ ſagte Miß Potterſon.
„Fürchten Sie etwa—“.
„Euch fürchte ich nicht,“ unterbrach ihn Miß Potter⸗ ſon,„falls Ihr das meint.“
„Aber das meine ich nicht, Miß Potterſon, wenn Sie mich entſchuldigen wollen.“
„Was meint Ihr alſo dann?“
„Sie ſind wirklich ſo grauſam hart gegen mich! Was ich fragen wollte, war weiter nichts, als ob Sie vielleicht irgend welche Befürchtungen— oder wenigſtens den Glauben oder die Annahme— hegen, daß das Eigen⸗ thum der Gäſte nicht ganz ſicher ſein dürfte, falls ich zu oft in's Haus käme?“
„Wozu verlangt Ihr das zu wiſſen?“
„Je nun, Miß Abbey, ohne Sie beleidigen zu wollen, würde es Einem eine große Genugthuung gewähren, zu erfahren, warum die Sechs luſtigen Brüder einem Manne, wie mir, nicht ebenſo offen ſtehen ſollten, wie ſie es für einen Mann wie Gaffer ſind?“
Das Geſicht der Wirthin umdüſterte ſich durch einen Schatten der Verblüffung, indem ſie erwiderte:„Gaffer iſt niemals dort geweſen, wo Ihr waret.“
„Was ſo viel heißen ſoll, als im Gefängniß, Miß? Vielleicht nicht. Aber er mag es verdient haben. Man mag ihn über Schlimmeres im Verdacht haben, als weſſen ich je beſchuldigt wurde.“ 8
„Wer hat ihn im Verdacht?“
„Viele vielleicht. Einer ganz gewiß. Ich habe ihn im Verdacht.“
„Ihr habt nicht viel zu bedeuten,“ ſagte Miß Abbey Potterſon mit verachtungsvollem Stirnrunzeln.
„Aber ich war ſein Compagnon. Bedenken Sie, Miß Abbey, daß ich ſein Compagnon war. Als ſolcher weiß ich mehr über ſein Thun und Treiben, als ſonſt irgend
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