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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
Entstehung
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49 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 50

Perſonage beendete Mr. Wegg ſeine erſte Vorleſung; lange dor dieſem Schluſſe würden mehrfache totale Ver⸗ finſterungen von Mrs. Boffin's Kerze durch ihren ſchwar⸗ zen Sammethut ſehr beunruhigend geweſen ſein, falls dieſelben nicht regelmäßig von einem ſtarken Geruch von verbrannten Federn begleitet geweſen, der jedesmal, wenn jene Zierden in Brand geriethen, die Wirkung eines Be⸗ lebungsmittels hatte und ſie aus dem Schlummer weckte. Mr. Wegg, welcher ganz mechaniſch geleſen, und dem, was er las, ſo wenig Bedeutung als möglich beigelegt hatte, ging friſch aus dem Kampfe hervor; Mr. Boffin aber, der bald ſeine unbeendete Pfeife niedergelegt und ſeitdem dageſeſſen und mit dem Geiſte und den Augen die verblüffenden Enormitäten der Römer angeſtaunt hatte, war ſo arg mitgenommen, daß er ſſeinem literari⸗ ſchen Freunde kaum gute Nacht zu wünſchen und die WorteAuf morgen herauszubringen vermoh Commodius, hauchte. Boffin, den Mond an⸗ ſtierend, nachdem er Wegg zum Thor hinausgelaſſen und daſſelbe dann verſchloſſen hatte: Commodius kämpft in einer einzigen Rolle ſiebenhundert⸗ undfünfunddreißig Mal in jener Vorſtellung von wilden Thieren! Und, als ob dies nicht erſtaunlich genug wäre, werden noch hundert Löwen mit einem Male dazu hin⸗ eingelaſſen! Und als ob dies noch nicht genug wäre, töd⸗ tet Commodius ſie, in einer Rolle, in hundert Schlägen! Und als ob dies noch nicht genug wäre, verzehrt Vitellius ſechs Millionen, an engliſchem Geldeswerthe in ſieben Mo naten! Wegg nimmt es ſehr ruhig, aber bei meiner Seele, für einen alten Burſchen, wie ich, ſind dies Schreckniſſe. Und ſelbſt jetzt, da Com⸗ modius erdroſſelt, ſehe ich noch nicht, wie es beſſer für uns werden ſoll, fügte Mr. Boffin hinzu, indem er ge⸗ dankenvoll und kopfſchüttelnd

wieder zur Laube zurückkehrte.

Ich ließ mir heute Morgen nicht träumen, daß es im Drucke ſo viele Schreckniſſe gebe.

Doch jetzt bin ich darin und muß es wohl ausbaden!

Sechstes Capifel. Ausgeſtoßen.

DieSechs luſtigen Brüder, deren wir bereits als eines Witthshauſes von waſſerſüchtigem Ausſehen Er⸗ wähnung thaten, hatten längſt in einem Zuſtande ge⸗ ſunder Altersſchwäche dageſtanden. In ſeiner ganzen Con⸗ ſtruktion beſaß das alte Haus keinen einzigen geraden Fußboden und kaum eine gerade Linie; doch hatte es bereits manch zierlicher gebautes und eleganteres Wirths⸗ haus überdauert, und konnte dem Anſcheine nach noch

Ausgeſtoßen.(Seite: 52.)

viele der Art überleben. Aeußerlich war es ein ſchmaler ſchiefer Haufen von bauſchigen Fenſtern, die wie ſo viele Apfelſinen aufeinander gehäuft erſchienen, mit einem wacke⸗ ligen hölzernen Balkon, der über das Waſſer hinüber⸗ hing; in der That, das ganze Haus, den klagenden Flaggenſtock auf dem Dache nicht ausgenommen, hing über das Waſſer hin, ſchien aber in dem Zuſtand eines muthloſen Tauchers verſunken zu ſein, der ſo lange am Rande gezaudert, daß er ſich nie hineinzuſpringen ent⸗ ſchließen wird.

Dieſe Beſchreibung gilt der Flußfronte derSechs luſtigen Brüder. Die Hinterſeite des Gebäudes war, obgleich der Hauptgang ſich dort befand, dermaßen ver⸗ engert, daß ſie, in ihrer Beziehung zur Vorderſeite, nichts als den Griff eines Bügeleiſens darſtellte, das man auf⸗ recht auf ſeine Breitſeite geſtellt. Dieſer Griff ſtand am äußerſten Ende einer Wildniß von Höfen und Gäßchen: einer Wildniß, welche die Sechs luſtigen Brüder ſo arg bedrängte, daß ſie dem Wirths⸗ hauſe, außer ſeinem Ein⸗ gange, keinen Zoll von Boden ließ. Aus dieſem Grunde, verbunden mit dem Factum, daß das Haus eigentlich auf dem Waſſer ſchwamm, ſah man, wenn in den Brüdern große Wäſche gehalten wurde, die Gegenſtände derſelben ge⸗ wöhnlich auf Leinen zum Trocknen aufgehängt, welche in den Empfangſälen und Schlafgemächern hin und her⸗ gezogen worden.

Das Holz, aus dem die Kaminſimſe, Balken, Scheide⸗ wände, Fußböden und Thü⸗ ren der Sechs luſtigen Brü⸗ der gebildet waren, ſchien in ſeinem hohen Alter von den verworrenen Erinnerungen ſei⸗ ner Jugend geſättigt. An vielen Stellen erſchien es knor⸗ rig und geborſten, nach der Weiſe alter Bäume, an an⸗ deren ſprangen Knoten aus ihm hervor, und hier und dort ſchien es ſich zu einer Aehnlichkeit mit Zweigen ge⸗ ſtalten zu wollen. In dieſem Zuſtande zweiter Kindheit hatte es ein Anſehen, als ob es auf ſeine Weiſe ge⸗ ſchwätzig über ſein Jugendleben ſei. Die Stammgäſte der Sechs luſtigen Brüder behaupteten oft nicht ohne Grund, daß, wenn das Licht voll auf die Adern gewiſſer Panele falle, und beſonders auf einen alten Eckſchrank von Nußholz in der Schenkſtube, man dort Spuren von kleinen Wäldern und kleinen Bäumen gleich dem Stamm⸗ baume in vollem ſchattenreichem Laube entdecken könne.

Die Schenke der Sechs luſtigen Brüder war geeignet, das menſchliche Herz zu erweichen. Der Platz für die Gäſte war nicht viel bedeutender, als der Platz in einem Fiaker; doch hätte ſich Niemand dieſelbe größer gewünſcht, der Raum war ſo umzingelt von corpulenten kleinen Fäſſern und Liqueurflaſchen, welche von gemalten Wei trauben ſtrotzten, und Citronen, die in Netzen aufge hangen waren, und von Zwiebäcken in Körben, und rin höflichen Bierzügen, die eine Verbeugung machten, wen ein Gaſt mit Bier bedient wurde, und dem Käſe i

Boz Unſer gemeinſchaftlicher Freund.