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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
Entstehung
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47 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 48

leſen? Danke, Sir, antwortete Wegg, als ob ihm das

p nicht meine Schuld ſein. Und jetzt, womit wollt Ihr V als gaſtfrei betrachte; indem man, anſtatt in verhältniß⸗

Vorleſen überhaupt nichts Neues ſei.Ich leſe gewöhn⸗

lich mit Wachholderbranntwein und Waſſer.

Das erhält das Organ feucht, wie, Wegg? fragen Mr. Boffin mit unſchuldigem Eifer.

Nein, Sir, erwiderte Wegg trocken,ſo möchte

ich es kaum nennen. Ich möchte vielmehr ſ

würde ich mich lieber ausdrücken.

agen, es macht das Organ weicher. Macht es weicher, Mr. Boffin, ſo

Seine hölzerne Eitelkeit und Schlauheit hielt genau

mit der Erwartung ſeines Opfers Schritt. Die Viſionen, die vor ſeinem gewinnſüchtigen Geiſte aufſtiegen von der mannigfachen Weiſe, in der er ſich dieſe Bekanntſchaft werde zu nutze machen können, verdrängten keinen Augen⸗ blick die Idee, die bei einem gemeinen Manne, der An⸗ dere zu übervortheilen ſucht, natürlicherweiſe die vor⸗ herrſchende iſt, die Idee, daß er ſich nicht zu billig machen darf.

Mrs. Boffin's Huldigung der neuen Mode verhinderte ſie, da dieſelbe einer weniger unerbittlichen Gottheit galt, als meiſtens unter jenem Namen angebetet wird, nicht daran, das Getränk für ihren literariſchen Gaſt zu miſchen, oder ihn zu fragen, ob der Erfolg ſeinen Bei⸗ fall habe. Nachdem er eine huldvolle Antwort gegeben und ſich dann auf der literariſchen Bank niedergelaſſen, begann Mr. Boffin mit frohlockenden Augen, es ſich als Zuhörer auf der gegenüberſtehenden Bank bequem zu machen.

Thut mir leid, Euch eine Pfeife verſagen zu müſſen, Wegg, ſagte er, die ſeinige füllend,aber Ihr könnt nicht Beides zugleich thun. O, und noch Eins, das ich zu erwähnen vergaß! Wenn Ihr Abends herkommt und auf einem der Simſe Etwas erblickt, das Euch ge⸗ fällt, ſo ſagt es.

Wegg, der im Begriff war, ſeine Brille aufzuſetzen, legte deſelbe augenblicklich mit der munteren Bemerkung nieder:

Sie leſen meine Gedanken, Sir. Trügen meine Augen mich, oder iſt jener Gegenſtand dort oben eine eine Paſtete? Es kann keine Paſtete ſein.

Ja, es iſt eine Paſtete, Wegg, erwiderte Mr. Boffin mit einem Blicke der Beſtürzung auf denVerfall und Untergang.

Habe ich meinen Geruch für Obſt verloren, oder iſt es eine Apfelpaſtete, Sir?

Es iſt eine Kalbfleiſch⸗ und Schinkenpaſtete, ſagte Mr. Boffin.

Wirklich, Sir? Und es wäre ſchwer, eine Paſtete zu nennen, die einer Kalb⸗ und Schinkenpaſtete vor⸗ zuziehen, ſagte Mr. Wegg gefühlvoll mit dem Kopfe nickend.

Wollt Ihr ein wenig davon, Wegg?

Danke, Mr. Boffin; ich danke, ja, da Sie mich dazu auffordern. Ich würde es für keinen Andern thun in dieſem Augenblicke, aber auf Ihr Bitten, will ich's thun, Sir! Und eine Fleiſchgelée, namentlich, wo ſich Salz dabei befindet, wie dies bei Schinken der Fall iſt, i*ſt ſehr erweichend für das Organ, ſehr erweichend für das Organ! Mr. Wegg ſagte nicht für welches Organ, ſondern drückte ſich mit einer heiteren Allgemeinheit aus.

Die Paſtete wurde deshalb vom Simſe herunterge⸗ holt und der würdige Mr. Boffin übte ſich in der Ge⸗ duld, bis Wegg mit Hülfe von Meſſer und Gabel die Schüſſel geleert, und benutzte die Gelegenheit nur, um Wegg zu unterrichten, daß, obwohl es nicht ſtrenge zur feinen Mode gehöre, den Inhalt der Speiſekammer in

dieſer Weiſe zur Schau zu ſtellen, er(Mr. Boffin) dies

mäßig nichtsſagender Manier zu einem Gaſte zu ſagen: Es befindet ſich Dieſes und Jenes an Eßwaaren in der Speiſekammer; womit kann ich Ihnen aufwarten? das offene praktiſche Verfahren einſchlüge und ſagte: Werfen Sie Ihre Blicke auf die Simſe, und falls Sie Etwas ſehen, das Ihnen gefällt, ſo fordern Sie es.

Und jetzt ſchob Mr. Wegg endlich ſeinen Teller fort und ſetzte ſeine Brille auf, und Mr. Boffin zündete ſeine Pfeife an und ſchaute mit leuchtenden Augen in die ſich vor ihm öffnende neue Welt; und Mrs. Boffin ruhte nach vornehmer Sitte auf ihrem Sopha: gleich Jeman⸗ dem der ſich den Zuhörern anſchließen wollte, falls er fände, daß er es im Stande, und einzuſchlafen beabſich⸗ tigte, falls er ſich zu jenem unfähig fühlte.

Ahem! begann Wegg.Dies, Mr. Boffin und Frau Gemahlin, iſt das. Capitel des erſten Bandes von demVerfall und Untergang des hier be⸗ trachtete er das Buch mit ſcharfen Blicken und hielt inne.

Was giebt's, Wegg?

Je nun, es fällt mir eben ein, Sir, ſagte Wegg (nachdem er zuvor noch einmal einen ſcharfen Blick in das Buch geworfen) mit einnehmender Offenheit,daß Sie heute Morgen ein kleines Verſehen machten, das ich zu berichtigen beabſichtigte, nur habe ich es über Dieſem oder Jenem vergeſſen. Mich dünkt, Sie ſagten, desruſſiſchen Reichs, Sir?

Es iſt das ruſſiſche Reich, wie, Wegg?

Nein, Sir. Das römiſche; das römiſche. 5

Worin liegt der Unterſchied, Wegg?

Der Unterſchied, Sir? Mr. Wegg fing an zu wanken und war in Gefahr, gänzlich niederzubrechen, als ihm plötzlich ein leuchtender Gedanke kam.Der Unter⸗ ſchied, Sir? Da ſetzen Sie mich in Verlegenheit, Mr. Boffin. Laſſen Sie es genügen, wenn ich Ihnen ſage, daß wir den Unterſchied lieber bis zu einer anderen Ge⸗ legenheit verſchieben, wenn Mrs. Boffin uns nicht die Ehre ihrer Geſellſchaft zu Theil werden läßt. In Mrs. Boffins Gegenwart, Sir, wird es beſſer ſein, den Ge⸗ genſtand fallen zu laſſen.

Auf dieſe Weiſe kam Mr. Wegg mit förnlich ritter⸗ lichem Anſehen aus ſeiner Schwierigkeit heraus; und nicht allein dies, ſondern er drehte die Sache, indem er mit männlichem Zartgefühl wiederholte:In Mrs. Boffin's Gegenwart wird es beſſer ſein, den Gegenſtand fallen zu laſſen! gegen Boffin, ſo daß dieſer ſich auf eine pein⸗ liche Weiſe compromittirt zu haben fühlte.

Dann begann Mr. Wegg in trockener, unerſchrockener Weiſe ſeine Aufgabe; geradeaus über Alles hin, das ihm in den Weg kam, über alle die ſchweren biographiſchen und geographiſchen Wörter hin; ein wenig erſchüttert durch Hadrian, Trajan und die Antoninen; ſtolperte über Polibeus(den er Polly bei uns ausſprach, und der von Mr. Boffin für eine römiſche Jungfrau und von Mrs. Boffin für jene Nothwendigkeitden Gegenſtand fallen zu laſſen verantwortlich gehalten wurde); ſah ſich durch Titus Antoninus Pius ſchwer aus dem Sattel gehoben; war mit Augüſtus wieder auf den Beinen und galoppirte ſchließlich mit Commodus glatt und ungeſtört dahin; welcher Commodus, von Mr. Boffin unter der Benennung Commodius, ſeiner engliſchen Herkunft als völlig unwürdig befunden wurde, indem er in ſeiner Herrſchaft über das römiſche Volk nicht im Einklange mit ſeinem Namen gehandelt.) Mit dem Tode dieſer

*) Commodius bedeutet ſo viel, als nützlich, bequem, vortheilhaft. Anmerkung der Ueberſetzerin.

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