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41 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.
„Ich komme noch dazu! Ganz recht. Ich komme dazu! Ich wollte ſagen, daß ich, als ich an jenem Morgen lauſchte, Euch mit einer Bewunderung zuhörte, die an Ehrfurcht grenzte. Ich dachte bei mir:„Hier iſt ein Mann mit einem hölzernen Bein— ein litera⸗ riſcher Mann mit—“
„N—— nicht gerade das, Sir,“ ſagte Mr. Wegg.
„Ei, Ihr kennt jedes dieſer Lieder, ſowohl was den Namen, als was die Melodie betrifft, und ſowie Ihr eins derſelben zu leſen oder zu ſingen wünſcht, braucht Ihr blos Eure Brille aufzuſetzen und Ihr thut es!“ rief Mr. Boffin.„Ich habe Euch ſelbſt dabei geſehen!“
„Gut, Sir,“ erwiderte Mr. Wegg mit einer ſelbſt⸗ bewußten Kopfneigung;„wir wollen alſo literariſch ſagen.“
„„Ein literariſcher Mann— mit einem hölzernen Bein— und alles Gedruckte ſteht ihm offen! Das dachte ich an jenem Morgen bei mir,“ fuhr Boffin fort, indem er ſich vorwärts lehnte, um, nicht gehindert durch den Liederſchirm, einen ſo großen Kreis zu beſchreiben, wie dies in der Macht ſeines rechten Armes lag;„alles Gedruckte ſteht ihm offen! und iſt dies etwa nicht der Fall?“
„Je nun, Sir,“ gab Mr. Wegg mit Beſcheidenheit zu, ich glaube nicht, daß Sie mir ein Stück von engliſchem Druck zu zeigen im Stande wären, das ich nicht ver⸗ ſtehen und leſen könnte.“
„Auf der Stelle?“ ſagte Mr. Boffin.
„Auf der Stelle.“
„Das wußt' ich! Dann alſo bedenkt nur dies: hier bin ich, ein Mann ohne ein hölzernes Bein, und alles Gedruckte iſt ein geſchloſſenes Buch für mich.“
„Wirklich, Sir?“ ſagte Mr. Wegg, mit zunehmender Selbſtgenügſamkeit.„Erziehung vernachläſſigt?“
„Ver— nach— läſſigt!“ wiederholte Boffin mit Nach⸗ druck.„Das iſt kaum ein Wort dafür. Ich will damit nicht ſagen, daß ich, falls Ihr mir ein B zeigtet, Euch nicht in ſoweit herausgeben könnte, daß ich Boffin ant⸗ wortete.
„Kommen Sie, Sir, kommen Sie,“ ſagte Mr. Wegg, ihn ein wenig ermuthigend,„das iſt ſchon Etwas.“
„Es iſt Etwas,“ erwiderte Boffin,„aber ich wollte meinen Eid darauf ablegen, daß es nicht Viel iſt.“
„Vielleicht nicht ſo Viel, wie ein wißbegieriger Geiſt ſich wünſchen dürfte, Sir,“ räumte Mr. Wegg ein.
„Jetzt, ſchaut her. Ich habe mich vom Geſchäft zu⸗ rückgezogen. Ich und Mrs. Boffin— Henrietty Boffin — denn ihres Vaters Name war Henery und ihrer Mutter Name war Hetty, und damit habt Ihr's— wir leben von einer kleinen Auskunft, die uns ein ſeliger Alter hinterließ.“
„Iſt der Herr todt, Sir?“
„Ei zum Kukuk, Menſch, ſage ich Euch's nicht? Ein ſeliger AÄlter? Jetzt iſt's aber zu ſpät für mich, um mich mit Alphabeten und Grammatiken herumzu⸗ ſchlagen. Ich fange an, alt zu werden, und will es be⸗ quem nehmen. Aber ich bedarf einiger Lectüre— einige ſchöne, ſtattliche Lectüre, irgend ein prachtvolles Buch in prunkſüchtigen Lord⸗Mayors⸗Bänden, das gerade zu unſerm Standpunkt herabreicht und Einem Zeit läßt zum Be⸗ greifen. Wie kann ich zu dieſer Lectüre gelangen, Wegg? Indem ic,“ ſagte er, den Andern mit dem Kopfende ſeines dicken Stockes auf die Bruſt klopfend,„einem Mann, der wahrhaft dazu geeignet iſt, ſo viel per Stunde (ſagen wir zwei Pence) bezahle, daß er zu mir kommt und es für mich thut.“
„Ahem! Sehr geſchmeichelt, Sir, wirklich ſehr ge⸗ ſchmeichelt,“ ſagte Wegg, indem er ſich in einem ganz neuen Lichte zu erblicken anfing.„Hum! Dies iſt alſo das Anerbieten, deſſen Sie erwähnten, Sir?“
„Sa, gefällt es Ihnen?“
„Ich uberlege es mir, Mr. Boffin.“
„Es liegt,“ ſagte Boffin mit großmüthigem Weſen, „— es liegt mir nicht daran, einen literariſchen Mann — mit einem hölzernen Beine— zu ſehr zu beſchränken. Ein halber Penny die Stunde mehr ſoll uns nicht trennen. Die Stunden ſind Eurer Wahl überlaſſen, nach⸗ dem Ihr mit Eurem Hauſe hier für den Tag fertig ſeid. Ich wohne in der Nachbarſchaft von Maiden⸗Lane, in der Richtung von Holloway— und Ihr braucht, wenn Ihr hier fertig ſeid, nur in nordöſtlicher Richtung grad'⸗ aus zu gehen, und Ihr ſeid dort. Drittehalb Pence die Stunde,“ ſagte Boffin, indem er ein Stück Kreide aus der Taſche nahm und vom Stuhle ſtieg, um auf dem Sitze deſſelben das Exempel nach ſeiner eigenen Weiſe auszurechnen;„zwei lange und ein kurzes— drittehalb Pence; zwei kurze machen ein langes, und zwei mal zwei lange machen vier lange— macht fünf lange; ſechs Abende die Woche zu fünf langen,“ ſagte er, Alles ein⸗ zeln niederſchreibend,„und das bringt uns zu dreißig langen hinauf. Eine runde Summe! Eine halbe Krone!“
„Eine halbe Krone,“ ſagte Wegg ſinnend.„Ja.(Es iſt nicht viel, Sir.) Eine halbe Krone.“
„Die Woche, wißt Ihr.“
„Die Woche. Ja. Was nun die Anſtrengung des Verſtandes betrifft. Haben Sie an Poeſie gedacht?“ frug Mr. Wegg nachdenklich.
„Würde es theurer ſein?“ frug Mr. Boſfin.
„Ja, es würde theurer kommen,“ erwiderte Mr. Wegg. „Denn wenn man einen Abend nach dem andern Poeſie abhaſpeln kommt, ſo iſt es nicht mehr wie billig, daß man für die entkräftende Wirkung, welche dies auf das Gehirn hat, bezahlt zu werden erwartet.“
„Die Wahrheit zu geſtehen,“ ſagte Boffin,„ſo dachte ich nicht an Poeſie, außer in ſo weit, als— falls Ihr Euch hin und wieder aufgelegt fühltet, mich und Mrs. Boffin mit einem Liede zu tractiren,— ei nun, dann würden wir in Poeſie verfallen.“
„Ich verſtehe, Sir, ſagte Wegg.„Doch da ich kein echter Künſtler in der Muſik bin, möchte ich mich nicht gern dafür engagiren, und wenn ich daher in Poeſie ver⸗ fiele, ſo möchte ich, in ſoweit wenigſtens, lieber als Freund betrachtet werden.“
Hierüber funkelten Mr. Boffin's Augen und er drückte Silas inbrünſtig die Hand, indem er ihm verſicherte, daß dies mehr ſei, als er verlangt haben würde, und daß er es als eine große Freundlichkeit anerkenne.
„Was ſagt Ihr zu den Bedingungen, Wegg?“ frug Mr. Boffin dann mit unverſtellter Beſorgniß.
Silas, der dieſe Beſorgniß durch ſein hartes, zurück⸗ haltendes Weſen genährt und außerdem ſeinen Mann ſehr wohl zu verſtehen angefangen, erwiderte mit einer Miene, wie wenn es etwas außerordentlich Großmüthiges und Edles ſei:
„Mr. Boffin, ich handele nie.“
„Das würde ich von Euch geglaubt haben!“ ent⸗ gegnete Mr. Boffin bewunderungsvoll.
„Nein, Sir, ich habe nie gehandelt und will niemals handeln. Deshalb komme ich Ihnen ſofort frei und offen entgegen und ſage— Abgemacht, für das doppelte Geld!“
Mr. Boffin ſchien auf dieſen Schluß ein wenig un⸗ vorbereitet, doch willigte er ein— mit der Bemerkung: „Ihr wißt beſſer, als ich, wie viel es ſein ſollte, Wegg,“ und tauſchte abermals einen Händedruck mit ihm aus.
„Könnt Ihr ſchon heute Abend anfangen, Wegg?“ fragte er dann.
„Ja, Sir,“ ſagte Wegg, indem er Sorge trug, daß alle Begierigkeit auf des Andern Seite ſei.„Ich ſehe
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