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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
Entstehung
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Botſchaften und Auf Träge mit Pünktlich

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Meine Herrn und Damen Von Ihrem ergebenſten Diener

Silas Wegg.

Er war im Verlauf der Zeit mit ſich darüber einig geworden, daß er nicht nur angeſtellter Botengänger des Hauſes an der Ecke ſei(obgleich er kaum ein halbes Dutzend Mal dergleichen Aufträge erhalten, und ſelbſt dann nur als Stellvertreter eines der Diener), ſondern auch zu deſſen Vaſallen gehöre und ihm eine getreue Unterſaſſentheilnahme ſchuldige. Deshalb nannte er daſſelbe ſtetsUnſer Haus, und obgleich ſeine Kenntniß von den Angelegenheiten des Hauſes meiſtens nur eine muthmaßliche und völlig verkehrte war, behauptete er doch ſein vollkommenes Vertrauen zu genießen. Ebenſo unter⸗ ließ er es nie, die Hand an den Hut zu legen, ſowie er ein Mitglied der Familie des Hauſes an einem der Fenſter erblickte. Dabei wußte er ſo wenig von den Bewohnern des Hauſes, daß er ihnen Namen ſeiner eigenen Erfindung gab, wie:Miß Eliſabeth,Maſter Georg,die Tante Jane,der Onkel Parker, für welche Benennungen er keinerlei Autorität beſaß am allerwenigſten für die letztere, auf die er ſich als ganz natürliche Folge um ſo feſter und hartnäckiger ſteifte.

Ueber das Haus ſelbſt übte er dieſelbe imaginäre Macht aus, die er über deſſen Bewohner und deren An⸗ gelegenheiten beſaß. Er war niemals weiter im Innern geweſen, als bis zu einer langen, dicken ſchwarzen Waſſer⸗ röhre, die ſich über die Thür des äußeren Souterrains in einem feuchten Flieſengang hinzog, und ziemlich das Ausſehen eines Blutegels auf dem Hauſe hatte, der vor⸗ trefflichangebiſſen; doch dies verhinderte ihn nicht, das Haus im Innern nach ſeinem eigenen Plane anzulegen.

Es war ein großes, düſteres Haus mit einer Menge von

blinden Seitenfenſtern und fenſterloſen Hintergebäuden, und es koſtete ſeinem Geiſte unſägliche Mühe, das In⸗ nere in einer Weiſe anzulegen, die dem äußeren Anſchein entſprach. Doch dies war, ſobald er einmal damit fer⸗ tig, vollkommen befriedigend, und er hatte die Ueber⸗ zeugung, daß er mit verbundenen Augen ſeinen Weg im Hauſe finden würde: von den vergitterten Dachkammer⸗ fenſtern in dem hohen Dache zu den beiden eiſernen Löſchhüten vor der großen Hausthür herab die den Eindruck machten, als erſuchten ſie jeden lebhaften Gaſt, ſich auszulöſchen, ehe er einträte.

Silas Wegg's Bude war unzweifelhaft die ſchreck⸗ lichſte kleine Bude von allen öden kleinen Buden in ganz London. Der Anblick ſeiner Aepfel verurſachte einem Geſichtsſchmerzen, der ſeiner Apfelſinen Leibſchmerzen und der ſeiner Nüſſe Zahnſchmerzen. Von dieſer letzte⸗ ren Delicateſſe beſaß er ſtets einen ſchrecklich kleinen Haufen, auf dem ein kleines hölzernes Mäßchen lag, das keine ſichtbare innere Höhlung beſaß und den von der Magna Charta beſtimmten Pfennigswerth zu repräſen⸗ tiren ſchien. Ob es von zu vielem Oſtwinde kommen mochte oder nicht es war eine öſtliche Ecke, aber die Bude, die Waaren und der Verkäufer waren alle ſo trocken, wie eine Sandwüſte. Wegg war ein knorriger und dichtgeäderter Mann mit einem Geſicht, das aus einem ſehr harten Material geſchnitzt ſchien und eben ſo

Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.

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viel Ausdruck in den Zügen beſaß, wie eine Nachtwächter⸗ knarre. Wenn er lachte, ſo zuckte es in demſelben und die Knarre knarrte. Die Wahrheit zu geſtehen, war er ein ſo hölzerner Mann, daß es ſchien, als ob er ganz natürlicherweiſe zu ſeinem hölzernen Beine gekommen, und einen ſpeculativen Beobachter auf den Gedanken brachte, daß er falls ſeiner Entwickelung keine unzei⸗ tige Hemmung entgegenträte in ſechs Monaten voll⸗ ſtändig mit zwei hölzernen Beinen ausgeſtattet ſein würde.

Mr. Wegg war ein beobachtender Mann, oder, wie er ſich ſelbſt ausdrückte:beachtete ungeheuer viel. Er ſalutirte alle an ihm regelmäßig Vorübergehenden täglich, wie er auf ſeinem, an den Laternenpfahl gelehnten Stuhle ſaß, und war außerordentlich ſtolz auf die jedesmalige Angemeſſenheit ſeiner verſchiedenen Begrüßungsformen. So, zum Beiſpiel, begrüßte er den Pfarrer mit einer Verbeugung, die eine Miſchung von Laien⸗Ehrerbietung und einem Anfluge von der ſchattenhaften, vorbereitenden, religiöſen Betrachtung in der Kirche war; den Arzt mit einer vertrauten Verbeugung, wie einen Mann, deſſen Bekanntſchaft mit ſeinem Innern er hierdurch eine ach⸗ tungsvolle Anerkennung zu zollen wünſchte! vor dem hohen Adel war es ihm eine Wonne ſich zu erniedrigen; und vor dem Onkel Parker, der zum Militär gehörte (ſo hatte Wegg es wenigſtens bei ſich beſtimmt), legte

er in einer militäriſchen Weiſe, für die jener zornäugige,

eng zugeknöpfte, entzündlich ausſehende alte Herr nur eine unvollkommene Schätzung zu haben ſchien, die Hand an den Hut.

Die einzige unter Sila's Waaren, welche nicht hart, waren Pfefferkuchen. Als eines Tages ein unglückliches Kind das feuchte Pfefferkuchenpferd(das fürchterlich in ſeiner Geſundheit herunter war) und den klebrigen Vo⸗ gelbauer gekauft, die für den Tag zum Verkauf ausge⸗ ſtellt waren, zog er eben ein Zinnkäſtchen unter ſeinem Stuhle hervor, um einen friſchen Vorrath jener entſetz⸗ lichen Speiſe herauszunehmen, und wollte eben den Deckel öffnen, als er plötzlich inne hielt und vor ſich hin ſagte:O, da biſt Du wieder!

Die Worte galten einem breiten, rundſchulterigen, ſchiefen, alten Burſchen in Trauer, der ſich mit komiſch ſchlenkerndem Gange, in eine kurze wollene Jacke gekleidet und einen großen Stock tragend, der Ecke näherte. Er trug dicke Schuhe, dicke lederne Gamaſchen und dicke Handſchuhe, gleich denen eines Zaunmachers. Sowohl in ſeiner Kleidung, als in ſeiner Perſon war er von einer rhinoceroshaften Bauart er hatte Falten in ſeinen Wangen, in ſeiner Stirn, in ſeinen Augenlidern, in ſeinen Lippen und in ſeinen Ohren; doch dabei helle, lebhafte, kindlich⸗fragende graue Augen unter ſeinen bu⸗ ſchigen Brauen und ſeinem breitrandigen Hute. Ein höchſt ſeltſam ausſehender alter Burſche.

Da biſt Du wieder, wiederholte Mr. Wegg ſin⸗ nend.Und was magſt Du wohl ſein? Biſt Du in den Fonds, oder wo biſt Du? Haſt Du Dich erſt kürz⸗ lich in dieſer Nachbarſchaft niedergelaſſen, oder gehörſt Du einer andern Nachbarſchaft an? Biſt Du in unab⸗ hängigen Verhältniſſen, oder iſt die Mühe einer Verbeu⸗ gung vor Dir weggeworfen? Komm! Ich will die Speculation wagen! Ich will Dir eine Verbeugung zukommen laſſen.

Und nachdem Mr. Wegg ſein Zinnkäſtchen wieder fortgeſtellt, führte er, indem er eine neue Pfefferkuchen⸗ falle für ein leichtgläubiges Kind legte, dieſen Vorſatz aus. Der Gruß ward erwidert und zwar durch ein:

Guten Morgen, Sir! Morgen! Morgen!

(Nennt mich Sir! ſprach Mr. Wegg für ſich.

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