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29 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 30
um dieſe Blätter nicht durch ein detaillirtes Aufzählen
der Wilfer's zu beſchweren, möge es für jetzt genügen, wenn wir ſagen, daß die Uebrigen bereits in mannich⸗ facher Beſchaffenheit„in die Welt hinausgegangen,“ und daß ſie ihrer Viele waren. So Viele, daß wenn eines ſeiner gehorſamen Kinder ihn zu beſuchen kam, R. Wilfer nach ein wenig Kopfrechnen zu ſich zu ſagen ſchien, „O, noch eins!“ ehe er laut hinzufügte:„Wie geht's, John,“ oder„Suſan“— oder wer es eben ſein mochte.
„Nun, Ihr Kleinchen,“ ſagte R. Wilfer,„wie geht's heute Abend? Ich habe gedacht, meine Liebe,“ dies zu
eine beiſpielloſe, und von ihr, wie ich wohl ſagen darf, auf das Hochherzigſte ertragen worden. Wenn Du Deine
Tochter Bella in ihrem ſchwarzen Kleide ſiehſt, das ſie
Mes. Wilfer, die bereits mit gefaltenen Handſchuhen in einem Winkel ſaß,„da wir unſern erſten Stock ſo gut
vermiethet haben, und da wir jetzt keinen Platz haben,
wo Du Schülerinnen unterrichten könnteſt, ſelbſt, falls
ſich Schülerinnen—“ „Der Milchmann ſagte, er wiſſe zwei junge Damen
von der höchſten Reſpectabilität, die ein paſſendes Inſti⸗
tut ſuchten, und er nahm eine Karte mit,“ unterbrach ihn Mrs. Wilfer mit ſtrenger Eintönigkeit, wie wenn ſie eine Parlamentsacte vorläſe.„Sage Deinem Vater, ob es vorigen Montag war, Bella.“
„Aber wir haben nichts weiter von ihm gehört, Mama,“ ſagte Bella, das ältere Mädchen.
„Und überdies, meine Liebe,“ ſagte der Gatte,„wenn Du keinen Platz haſt, wo Du die jungen Frauen⸗ zimmer—“
„Entſchuldige mich,“ unterbrach ihn Mrs. Wilfer abermals,„es waren keine jungen Frauenzimmer. Zwei junge Damen von der höchſten Notabilität. Sage Deinem Vater, Bella, ob der Milchmann dies geſagt hat oder nicht.“
„Meine Liebe, es iſt ganz daſſelbe.“
„Nein, es iſt nicht daſſelbe,“ ſagte Mrs. Wilfer mit derſelben eindrucksvollen Eintönigkeit. Entſchuldige mich!“
„Ich meine, meine Liebe, es iſt daſſelbe, was den
Raum betrifft. Wenn Du keinen Raum für zwei junge
Nebenmenſchinnen haſt, wie groß deren Reſpectabilität
immer ſei,— und ich bezweifle dieſelbe nicht,— wo ſollen die beiden jungen Nebenmenſchinnen ſich aufhalten? Weiter will ich in meiner Frage gar nicht gehen. Und ich ſage dies einzig und allein,“ ſagte ihr Gatte in einem zugleich verſöhnlichen, becomplimentirenden und überredenden Tone,
„— und ich bin überzeugt, daß Du mir beiſtimmen für mich,— doch, doch, Du fühlſt für mich.“
wirſt, meine Liebe— aus einem nebenmenſchlichen Ge⸗ ſichtspunkte, meine Liebe.“
„Ich habe nichts weiter zu ſagen,“ erwiderte Mrs. Wilfer mit einer demuthsvollen, entſagenden Bewegung ihrer Handſchuhe. Ganz wie Du denkſt, R. W.; nicht, wie ich wünſche.“
Hier geſchah es, daß Miß Bella's Ungeduld und der Verluſt dreier Steine, die ihr durch die Krönung ihrer
Gegnerin noch empfindlicher gemacht wurde, jene junge Dame veranlaßte das Damenbrett anzuſtoßen, ſo daß die
dieſelben aufzuſammeln. „Die arme Bella!“ ſagte Mrs. Wilfer.
Steine vom Tiſche fielen und ihre Schweſter niederkniete
„Und die arme Lavinia, vielleicht, meine Liebe?“
meinte R. Wilfer. „Entſchuldige mich,“ ſagte Mrs Wilfer,„nein!“
ſtand darin, daß ſie eine erſtaunliche Macht beſaß, ihrer hypochondriſchen und weltlichen Laune durch das Lob⸗ preiſen ihrer eigenen Familie zu fröhnen; und ſie that dies bei gegenwärtiger Gelegenheit in folgender Weiſe: „Nein R. W., Lavinia hat nicht die Prüfungen er⸗ fahren, die der Bella zu Theil geworden ſind. Die Prü⸗
allein in Deiner ganzen Familie trägt, wenn Du Dich der Umſtände erinnerſt, die dieſe Tracht herbeigeführt und wenn Du weißt, wie ſie dieſe Umſtände ertragen hat, dann R. W., dann lege Dein Haupt auf Dein Kiſſen und ſage,„die arme Lavinial“
Hier bemerkte Miß Lavinia in ihrer knieenden Lage unter dem Tiſche, daß ſie weder vom Papa, noch ſonſt irgend Jemandem bemitleidet zu werden verlange.
„Davon bin ich überzeugt, meine liebe Tochter,“ er⸗ widerte ihre Mutter,„denn Du haſt einen edlen, muthi⸗ gen Geiſt, und Deine Schweſter Cäcilia hat ebenfalls einen edlen, muthigen Geiſt anderer Art, einen Geiſt der reinſten Hingebung, einen ſchönen Geiſt. Die Aufopfe⸗ rung Deiner Schweſter Cäcilia zeigt einen reinen weib⸗ lichen Charakter, wie man ihn ſelten, wenn je, über⸗ troffen ſieht. Ich habe jetzt einen Brief von Eurer Schweſter Cäcilia in der Taſche, den ich heute Morgen erhalten— drei Monate nach ihrer Vermählung, das arme Kind! worin ſie mir ſagt, daß ihr Gatte uner⸗ warteterweiſe genöthigt iſt, eine verarmte Tante unter ſeinem Dache aufzunehmen.„Aber ich will ihm treu bleiben, Mama,“ dies ſind ihre rührenden Worte,„ich will ihn nicht verlaſſen; ich darf nicht vergeſſen, daß er mein Gatte iſt. Seine Tante möge kommen!“ Wenn dies nicht rührend, wenn dies nicht weibliche Hingebung iſt—!“ Die gute Dame machte eine Bewegung mit ihren Handſchuhen, wie im Bewußtſein der Unmöglichkeit, noch mehr zu ſagen, und knüpfte das Taſchentuch feſter unter ihrem Kinn zuſammen.
Bella, welche jetzt auf dem Kaminteppiche ſaß, um ſich zu wärmen, die braunen Augen auf's Feuer heftend und eine Handvoll brauner Locken im Mundo, lachte hierüber, und dann ſchmollte ſie und fing halb zu weinen an.
„Ich weiß,“ ſagte ſie,„daß ich, obgleich Du nicht für mich fühlſt, Papa, daß ich eins der unglücklichſten Mäd⸗ chen bin, die es je gegeben hat. Du weißt, wie arm wir ſind“(dies war ſehr wahrſcheinlich, da er alle Urſache hatte, es zu wiſſen)„und welche Ausſicht auf Wohlſtand ich hatte, und wie dieſelbe zerfloß und wie ich zu dieſen Trauerkleidern komme— die ich haſſe!— eine Art von Wittwe, die nie verheirathet war. Und Du fühlſt nicht
Dieſe ſchnelle Veränderung ward durch das Geſicht ihres Vaters herbeigeführt. Sie hielt inne, um ihn von ſeinem Sitze herunterzuzerren und ihm, in einer Stellung, die ganz beſonders zum Stranguliren geeignet, einen Kuß zu geben und ein paarmal auf die Wangen zu pätſcheln.
„Aber Du ſollteſt für mich fühlen, Papa, weißt Du.“
„Meine Liebe, ich fühle für Dich.“
„Ja, das thuſt Du, aber Du ſollteſt es auch. Wenn man mich nur in Ruhe gelaſſen und mir nichts davon geſagt hätte, ſo würde es weit weniger ausgemacht haben. Aber jener garſtige Mr. Lightwood fühlt, daß es ſeine Pflicht iſt, wie er ſagt, mich von dem zu unter⸗ richten, was mir bevorſteht und ich muß deshalb Georg
3 Sampſon fortſchicken.“ Eine der Eigenthümlichkeiten der würdigen Frau be⸗
fung, die Deiner Tochter Bella zugefallen, iſt vielleicht
Hier kam Lavinia mit dem letzten geretteten Damen⸗ ſteine unter dem Tiſche hervor und ſagte:„Du haſt Dich nie beſonders um Georg Sampſon bekümmert, Bella.“
„Und ſagte ich etwa das Gegentheil, Miß?“ Dann nahm ſie wieder ſchmollend einige Locken in den Mund und ſagte:„Georg Sampſon hatte mich ſehr lieb und bewunderte mich ſehr, und ließ ſich Alles von mir gefallen.“


