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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
Entstehung
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13 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 14

thun gehabt, obgleich dieſe nicht in dem liniirten Regiſter angegeben ſein mögen. Dies war jedenfalls bei dem Andern der Fall, denn er war von dem Verluſte ſeines jungen Weibes ſo ſehr darniedergebeugt, daß er ſie mit genauer Noth um ein Jahr überlebte.

Ein gewiſſes Etwas in dem Weſen des gleichgültigen Mortimer ſcheint darauf hinzudeuten, daß, falls die gute Geſellſchaft ſich überhaupt geſtattete, Eindrücke zu empfan⸗ gen, er vielleicht ſo ſchwach ſein würde, ſich durch das, was er erzählte, gerührt zu fühlen. Er hält dies mit großer Mühe verſteckt, aber es iſt in ihm. Der düſtere Eugen iſt ebenfalls nicht ganz frei von einem ähnlichen Anfluge; denn da jene entſetzliche Lady Tippins erklärt, derAndere hätte, falls er am Leben geblieben wäre, ſofort an die Spitze ihrer Liſte von Liebhabern niederge⸗ ſchrieben werden ſollen und da die gereifte junge Dame ihre Epauletten zuckt und über eine vertraute Bemerkung von dem gereiften jungen Herrn lacht nimmt ſeine Düſterkeit dermaßen zu, daß er mit einer wahren Wuth mit ſeinem Deſertmeſſer ſpielt.

Mortimer fährt fort:

Wir müſſen zu dem Manne von Irgendwoher zu⸗ rückkehren, wie die Romanſchreiber ſich ausdrücken, und wie ſie dies lieber bleiben laſſen ſollten. Da er zur Zeit der Verbannung ſeiner Schweſter ein Knabe von vierzehn Jahren war, der in Brüſſel eine wohlfeile Erziehung erhielt, währte es einige Zeit, ehe er Etwas von jenem Ereigniſſe erfuhr vermuthlich durch ſie ſelber, denn die Mutter war todt; doch darüber weiß ich nichts. Er entwich augenblicklich aus der Schule und kam nach England herüber. Er muß ein Knabe von Energie und Hülfsquellen geweſen ſein, indem er mit einem eingezogenen Wochengelde von fünf Sous hierher gelangte; doch führte er dies auf die eine oder die andere Weiſe aus er ſtürzte zu ſeinem Vater und vertrat die Sache ſeiner Schweſter. Der ehrwür⸗ dige Vater thut ihn augenblicklich in den Bann und wirft ihn aus dem Hauſe. Tief erſchüttert und er⸗ ſchrocken ergreift der Sohn die Flucht, ſucht ſein Glück, kommt auf ein Schiff und erſcheint ſchließlich auf trocke⸗ nem Lande unter dem Capwein, als kleiner Gutsbeſitzer, Pächter, Viehzüchter oder wie Sie es immer zu neu⸗ nen wünſchen.

In dieſem Augenblick wird im Flur ein Geräuſch und ein Klopfen an die Thür des Eßzimmers vernommen. Der analytiſche Chemiker geht an die Thür, unterhält ſich aufgebracht mit dem unſichtbaren Klopfer, ſcheint ſich zu beſänftigen, indem er Grund für das Klopfen ent⸗ deckt, und geht hinaus.

Und als ſolcher wurde er neulich entdeckt, nachdem

er in vierzehnjähriger freiwilliger Verbannung aus dem

Vaterlande gelebt.

Ein Dickkopf ſetzt plötzlich die anderen drei in Er⸗ ſtaunen, indem er ſich von ihnen losſagt, ſeine Indivi⸗ dualität behauptet und fragt:

Wie entdeckt und warum?

Ah! Allerdings. Danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnern. Der ehrwürdige Vater ſtirbt

Derſelbe Dickkopf, durch ſeinen Erfolg ermuthigt, ſagt:Wann?

Vor nicht langer Zeit. Monaten. 7

Derſelbe Dickkopf fragt mit verwegener Lebhaftigkeit: Woran? Doch hierin erliegt er als trauriges Beiſpiel: er wird von den drei anderen Dickköpfen mit verſteinerten Blicken angeſtiert und von keinem andern menſchlichen Weſen ferner beachtet.

Der ehrwürdige Vater, wiederholt Mortimer in

Vor etwa zehn bis zwölf

einer flüchtigen Erinnerung, daß ſich ein Veneering am Tiſche befindet und indem er ſich zum erſten Male dieſem zuwendet,ſtirbt.

Der geſchmeichelte Veneering wiederholt ernſtſtirbt, dann faltet er ſeine Hände und runzelt die Stirne um mit richterlicher Miene das Ende der Sache an⸗ zuhören doch ſieht er ſich abermals allein in der öden Welt.*.

Sein Teſtament wird gefunden, ſagt Mortimer, einen Blick aus Mrs. Podsnap's Schaukelpferdaugen auffangend.Daſſelbe iſt kurz nach der Flucht des Sohnes datirt. Es vermachte die niedrigſte Stelle des Staubgebirges, an deſſen Fuße ſich eine Art von Wohn⸗ haus befindet, einem alten Diener, welcher zum einzigen Adminiſtrator ernannt iſt und den ganzen Reſt des Eigenthums welches bedeutend iſt dem Sohne. Er hinterläßt Inſtructionen, um mit gewiſſen excen⸗ triſchen Ceremonien und Vorſichtsmaßregeln gegen ein Lebendigbegrabenwerden geſichert zu werden, womit ich Sie nicht langweilen will, und das iſt Alles ausge nommen und damit endet die Geſchichte.

Der analytiſche Chemiker kehrt hier zurück und Alle ſchauen ihn an. Nicht, weil ihn irgend Jemand zu ſehen wünſcht, ſondern vielmehr vermöge jenes feinen Natur⸗ einfluſſes, welcher die Menſchen die geringſte Gelegenheit, etwas Anderes als Denmjenigen, der zu ihnen ſpricht, an⸗ zuſchauen, zu ergreifen treibt.

Außer daß die Erbſchaft des Sohnes durch eine Vermählung mit einem Mädchen bedingt wird, das zur Zeit der Abfaſſung des Teſtaments ein Kind von vier bis fünf Jahren, jetzt aber eine heirathsfähige junge Perſon iſt. Vermittelſt Zeitungsannoncen und Nach⸗ forſchungen ward der Sohn in dem Manne von Irgend⸗ woher entdeckt, und in dieſem Augenblicke befindet er ſich auf der Reiſe von dort hierher ohne Zweifel in einem Zuſtande der größten Verwunderung um eine ſehr große Erbſchaft anzutreten und ſich eine Gattin zu nehmen.

Mrs. Podsnap fragt, ob die junge Perſon eine junge Perſon von perſönlichen Reizen ſei? Mortimer ver⸗ mag hierüber nichts zu berichten.

Mr. Podsnap fragt, was aus dem großen Vermögen werde, falls die Bedingung jener Heirath nicht erfuͤllt würde? Mortimer erwidert, daß daſſelbe dann einer be⸗ ſonderen Teſtamentsclauſel zufolge dem oben erwähnten alten Diener zufalle und der Sohn völlig übergangen und ausgeſchloſſen werde; ferner, daß, falls der Sohn nicht am Leben geweſen, derſelbe alte Diener zum einzigen Nacherben ernannt ſei.

Es iſt Mrs. Veneering ſo eben gelungen, Lady Tip⸗ pins aus einem ſchnarchenden Schlummer zu erwecken, indem ſie einige Teller und Deſertſchüſſeln über den Tiſch gegen ihre Knöchel geſchoben, und Alle, außer Mortimer ſelber, werden gewahr, daß der analytiſche Chemiker ihm in geſpenſtiſcher Weiſe ein zuſammenge⸗ legtes Blatt Papier präſentirt. Die Neugierde läßt Mrs. Veneering einige Augenblicke in ihrer Beſchäftigung innehalten.

Mortimer erquickt ſich, ungeachtet aller Kunſtgriffe

des Chemikers, ruhig durch ein Glas Madeira, und ver⸗

bleibt, ohne eine Ahnung von dem Documente, das die allgemeine Aufmerkſamkeit gefangen hält, bis Lady Tippins(die die Gewohnheit hat, völlig bewußtlos auf⸗ zuwachen), nachdem ſie ſich erinnert, wo ſie iſt, und wie⸗ der zu einer Wahrnehmung der ſie umgebenden Gegen⸗ ſtände gelangt, zu ihm dagt.Treuloſerer als Don Juan, warum nehmen Sie denn dem Commendatore nicht das Billet ab? Worauf der Chemiker daſſelbe