11 Boz, Unſer gemein
unter der Bedingung, daß ſie ſich ſehr gehorſam und aufopfernd benehmen und hier iſt mein alter Oberlieb⸗ haber, das Oberhaupt all' meiner Sclaven, der vor der ganzen Geſellſchaft ſeine Lehnspflicht abwirft! Und hier noch einer meiner Liebhaber, gegenwärtig allerdings nur noch ein unpolirter Cimon, auf den ich aber für die Zukunft die ſchönſten Hoffnungen geſetzt hates⸗ der ſich ſtellt, als vermöchte er ſich nicht ſeiner Ammenmärchen zu erinnern! Ausdrücklich, um mich zu ärgern, denn er weiß, wie leidenſchaftlich ich dieſelben liebe!“
Lady Tippin's Pointe beſteht in einer kleinen grau⸗ ſigen Erdichtung in Bezug auf ihre Liebhaber. Sie führt ſtets ein paar Liebhaber im Gefolge und ſie führt eine kleine Liſte von ihren Liebhabern und ſie trägt ſtets einen neuen Liebhaber in dieſelbe ein oder ſtreicht einen alten Liebhaber von derſelben aus, oder ſetzt einen Lieb⸗ haber auf ihre ſchwarze Liſte, oder befördert ihn zur blauen Liſte, oder addirt ihre Liebhaber zuſammen, oder hält in einer oder der andern Weiſe Abrechnung über ihre Liebhaber. Mrs. Veneering iſt entzückt über den Scherz und Mr. Veneering desgleichen. Dieſelbe wird vielleicht durch ein gewiſſes gelbliches Sehnenſpiel in Lady Tippins Halſe, das dem Kreatzen eines Hühnerfußes gleicht, noch erhöht..
„Ich verbanne den Treuloſen von dieſem Augenblicke an und ſtreiche ihn noch heute Abend aus meinem Cupido (ſo nenne ich meine Liſte, meine Liebe). Aber ich bin entſchloſſen, einen Bericht über den Mann von Irgend⸗ woher zu hören, und bitte Sie, meine Liebſte, denſelben für mich zu erlangen, da ich meinen Einfluß verloren habe.“ Dies war an Mrs. Veneering gerichtet.„O, Sie falſcher Mann!“ Dies, mit einem Klappern ihres Fächers, an Mortimer.
„Wir fühlen Alle großes Intereſſe für den Mann von Irgendwoher,“ bemerkte Veneering.
Dann faſſen die vier Dickköpfe ſich ein Herz und ſagen Alle zugleich:
„Den größten Antheil!“
„Höchſt geſpannt!“ „Dramatiſch!“ „Ein Mann von Nirgendwoher, vielleicht!“
Und Mrs. Veneering— von Lady Tippins' einneh⸗ mender Schalkhaftigkeit angeſteckt— faltet wie ein bitten⸗ des Kind die Hände, wendet ſich zu ihrem Nachbarn zur Linken und ſagt:„Bitte! bitte! von dem Manne von Irgendwoher!“ Worauf die vier Dickköpfe geheimniß⸗ vollerweiſe Alle wieder zugleich ausrufen:„Sie können unmöglich widerſtehen!“
„Auf Ehre,“ ſagt Mortimer mit ſchmachtender Nach⸗ läſſigkeit,„ich fühle mich im höchſten Grade verwirrt, in dieſer Weiſe die Augen von Europa auf mich gerichtet zu ſehen, und mein einziger Troſt beſteht in der Ueber⸗ zeugung, daß Sie Alle Lady Tippins im Innerſten Ihres Herzens verwünſchen werden, wenn der Mann von Irgend⸗ woher Ihnen langweilig wird, was unfehlbar der Fall ſein wird. Ich bedaure es, daß Romantiſche der Sache zu zerſtören, indem ich den Mann mit einer beſtimmten Localität verſehe, aber er kommt aus dem Orte, deſſen Name mir eben entfällt, der aber Jedem hier einfallen wird— dem Orte, wo der Wein gemacht wird.“
„Von Day und Martin,“ ſagt Eugen.“)
„Nein, nein,“ ſagt Mortimer, völlig unerſchüttert,
Mann kommt aus dem Lande, wo man den Kapwein macht. Aber ſehen Sie, alter Burſch, es iſt durch⸗ *) Eine berühmte Wichsfabrik in London.
„Anmerkung der Ueberſetzerin.
ſchaftlicher Freund. 5 12
„ nicht von dort; dort wird der Portwein gemacht. Mein
aus nicht ſtatiſtiſch erwieſen, und es iſt ziemlich ſon⸗ derbar.“
An der Speiſetafel der Veneering's iſt ſtets bemerkbar, daß Niemand ſich viel um die Veneering's ſelbſt beküm⸗ mert, und daß Jemand, der Etwas zu erzählen hat, dies lieber Jemand Anderem erzählt, als ihnen.
„Der Mann,“ fährt Mortimer, gegen Eugen ge⸗ wendet, fort,„deſſen Name Harmon iſt, war der einzige Sohn eines furchtbaren alten Schurken, der ſein Geld durch Raub erwarb.“
„Rothe Sammethoſen und ein Glöckchen?“ fragt der düſtere Eugen.
„Und Leiter und Korb, wenn Du willſt. Und auf dieſe Weiſe, oder auf eine andere, wurde er reich als ein Staub⸗Contrahent, und lebte in einer Tiefe in einer hügeligen Gegend, die gänzlich aus Staub beſtand. Der brummende alte Vagabond warf, gleich einem alten Vul⸗ kane, ſeine eigene Gebirgskette auf ſeinem kleinen Gebiete empor, und der geologiſche Beſtandtheil derſelben war Staub. Kohlenſtaub, Pflanzenſtaub, Knochenſtaub, Ge⸗ ſchirrſcherbenſtaub, roher Staub, geſiebter Staub— allerlei Staub.“
Eine flüchtige Erinnerung an Mrs. Veneering bewegt ihn hier, ſein nächſtes Halbesdutzend Worte an ſie zu richten; dann wandert er wieder fort, verſucht Twemlow, von dem ihm keine Antwort zu Theil wird, und wendet ſich ſchließlich zu den Dickköpfen, die ihn mit Enthuſiasmus aufnehmen. 5
„Das innerſte Gemüth dieſes bewunderungswürdigen Weſens ſchöpfte ſeine höchſte Glückſeligkeit aus der Be⸗ ſchäftigung, ſeine nächſten Angehörigen zu verfluchen und aus dem Hauſe zu werfen. Nachdem er(ſelbſtverſtänd⸗ licherweiſe) den Anfang hierin mit dem Weibe ſeines Herzens gemacht, fand er Muße, ſeiner Tochter dieſelben Aufmerkſamkeiten zu erzeigen. Er wählte ihr einen Gatten, ganz nach ſeinem eigenen Gefallen und nicht im mindeſten nach dem ihrigen, und war im Begriff, ihr, ich weiß nicht wieviel, Staub als Mitgabe auszuſetzen, jeden⸗ falls war es etwas Ungeheures. Als die Sache bis zu dieſem Stadium gediehen, gab das arme Mädchen ihm auf das Achtungsvollſte zu verſtehen, daß ſie heimlich mit jener beliebten Perſönlichkeit verlobt ſei, den die Roman⸗ ſchreiber und Verſemacher einen„Andern“ nennen, und daß eine ſolche Heirath ihr Herz und ihr Leben in Staub und Aſche verwandeln, kurz, ſie in ganz bedeutendem Maße im Geſchäft ihres Vaters etabliren würde. Der ehrwürdige Vater verfluchte ſie augenblicklich und warf ſie aus dem Hauſe— an einem kalten Winterabend, wie es heißt.“
Hier bewilligt der analytiſche Chemiker(der von Mortimer's Erzählung offenbar nur eine ſehr geringe Meinung hegt) den vier Dickköpfen ein wenig Burgunder; welche, abermals durch eine geheimnißvolle Triebfeder ge⸗ trieben, denſelben mit einer eigenthümlichen Grimaſſe des Hochgenuſſes in ſich aufnehmen und dann im Chore aus— rufen:„Bitte, fahren Sie fort!“
„Die pecuniären Mittel des„Andern“ waren, wie dies gewöhnlich der Fall iſt, von ſehr beſchränkter Art. Ich glaube mich keines zu ſtarken Ausdruckes zu bedienen, wenn ich ſage, daß der„Andere“ in Geldverlegenheit war. Indeſſen heirathete er die junge Dame, und ſie lebten in einer beſcheidenen Wohnung, an deren Haus⸗ thür ſich wahrſcheinlich Geißblatt und Clematis empor⸗ rankte, bis ſie ſtarb. Was die beglaubigte Urſache ihres Todes betrifft, ſo muß ich Sie darüber an das Todten⸗ regiſter des Diſtricts verweiſen, welchem ihre beſcheidene Wohnung angehörte; doch iſt es wohl möglich, daß Kummer und frühzeitige Lebensſorgen etwas damit zu


