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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
Entstehung
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7 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.

erhielt Twemlow eine Einladung, bei Veneering zu ſpeiſen, und er ging und ſpeiſte: und der Mann war ebenfalls dort. Unmittelbar darauf erhielt Twemlow eine Ein⸗ ladung, bei dem Manne zu ſpeiſen, und er ging und ſpeiſte: und Veneering war dort. Bei dem Manne waren ferner: ein Parlamentsmitglied, ein Ingenieur, ein Abträger der Nationalſchuld, ein Verſemacher, ein Unzu⸗ friedener, und ein öffentlicher Beamter, welche Alle nicht die geringſte Bekanntſchaft mit Veneering zu haben ſchienen. Und wieder unmittelbar darauf erhielt Twem⸗ low eine Einladung von den Veneerings, ausdrücklich um

des Abträgers der Nationalſchuld, des Verſemachers, des Unzufriedenen und des öffentlichen Beamten bei ihnen zu ſpeiſen; und da er der Einladung Folge leiſtete, machte er die Entdeckung, daß alle dieſe Herren Veneering's in⸗ timſte Freunde waren, und ihre Gattinnen(welche alle zugegen waren) Mrs. Veneering's aufopfernſte Liebe und zärtlichſtes Vertrauen genoſſen.

Und ſo war es gekommen, daß Mr. Twemlow zu Hauſe in ſeiner Wohnung die Hand an ſeine Stirn ge⸗

Gattin auf ſich zu ziehen verſucht,das Vergnügen, Mrs. Podsnap unſerm Gaſtgeber vorzuſtellen. Sie wird in ſeiner unſeligen Friſche ſcheint er ewige Jugend und ewige Grüne in der Phraſe zu finden ſie wird ſich ſo außerordentlich über die Gelegenheit freuen. Inzwiſchen thut Mrs. Podsnap, da es ihr unmöglich iſt, auf eigene Rechnung ein ähnliches Verſehen zu machen, ihr Möglichſtes, um das ihres Gatten zu unterſtützen, indem ſie mit betrübter Miene zu Mr. Twemlow hin⸗ ſchaut und auf das Fühlendſte zu Mrs. Veneering be⸗

eine Ein! merkt, erſtens, ſie fürchte, er müſſe in letzterer Zeit in Geſellſchaft des Parlamentsmitgliedes, des Ingenieurs,

an der Galle gelitten haben, und zweitens, das Kleine habe bereits große Aehnlichkeit mit ihm.

Es fragt ſich, ob es je einem Menſchen ſehr behagt, für einen Andern gehalten zu werden; doch Mr. Venee⸗ ring, der heute Abend zum erſtenmale das Vorhemdchen des jungen Antinous(von neuem geſtickten Cambrick)

trägt, fühlt ſich durchaus nicht geſchmeichelt, für Twem⸗

legt und zu ſich geſprochen hatte:Ich muß nicht daran denken es könnte mir, ja, jedem Menſchen eine Ge⸗

hirnerweichung zuziehen, und dennoch dachte er fort⸗ während daran und gelangte zu keinem Schluſſe.

Die Veneering's geben an dieſem Abende ein Feſt⸗ mahl. Elf Blätter in dem Twemlow im Ganzen vierzehn Tiſchgäſte. Vier taubenherzige Söldlinge in Cioilkleidung ſtehen in einer Reihe im Flur. Ein fünfter geht mit trauervoller Miene, die zu ſagen ſcheint:Noch

es im Leben! die Treppe hinauf und meldet: Mi ſter Twemlow!

Mrs. Veneering heißt ihren ſüßen Mr. Twemlow willkommen. Mr. Veneering begrüßt ſeinen lieben Twem⸗ low. Mrs. Veneering kann nicht erwarten, daß Mr. Twemlow möglicherweiſe ein Intereſſe an Säuglingen zu nehmen im Stande iſt, doch als ein ſo alter Freund wird er gewiß eben das Kleine einmal anſchauen.Ah! Du wirſt den Freund Deiner Familie ſchon beſſer kennen lernen, Purzelchen, wenn Du erſt achtſamer zu werden anfängſt, ſagt Mr. Veneering, jenem neuen Gegenſtande gerührt zunickend. Dann bittet er um Erlaubniß, ſeinen lieben Twemlow ſeinen beiden Freunden Mr. Boots und Mr. Brewer vorſtellen zu dürfen und iſt ſich offenbar nicht klar darüber, welcher von Beiden Boots und welcher Brewer iſt.

Doch jetzt ereignet ſich etwas Fürchterliches.

Mi ſter und Miſ ſis Podsnap!

Meine Liebe, ſagt Mr. Veneering, mit einer Miene großen freundſchaftlichen Intereſſes, zu Mrs. Veneering, während die Thür offen ſteht,die Podsnap's.

low gehalten zu werden, welcher dürr und runzelig und wohl dreißig Jahre älter iſt, als er. Mrs. Veneering nimmt ihrerſeits die Beſchuldigung, Twemlow's Gattin zu ſein, übel. Und was Twemlow betrifft, ſo iſt er ſich ſeiner Ueberlegenheit über Veneering ſo vollkommen be⸗ wußt, daß er den umfangreichen Mann im Geiſte für einen unausſtehlichen Eſel erklärt.

In dieſem complicirten Dilemma nähert Veneering ſich dem umfangreichen Manne mit ausgeſtreckter Hand und giebt dieſem unverbeſſerlichen Geſchöpfe lächelnd die Verſicherung, daß er ſich ſehr, ihn hier zu ſehen, freut;

woorrauf Jener in ſeiner unſeligen Friſche erwidert: ein elendes Geſchöpf, das hier zu ſpeiſen kommt; ſo geht

Danke. Ich ſchäme mich, zu geſtehen, daß ich mich in dieſem Augenblicke nicht entſinne, wo wir einander getroffen haben können. Aber ich freue mich außer⸗ ordentlich über die Gelegenheit!

Dann packt er Twemlow, der ſich mit ſeiner ganzen ſchwachen Kraft gegen ihn ſträubt, um ihn fortzuſchleppen und Mrs. Podsnap als Mr. Veneering vorzuſtellen, doch die Ankunft neuer Gäſte enthüllt das Verſehen. Worauf Podsnap, nachdem er Veneering als Veneering und dann Twemlow als Twemlow begrüßt, der Sache zu ſeiner eigenen vollkommenen Zufriedenheit ein Ende macht, indem er zu Letzterem ſagt:Lächerliche Gelegen⸗

heit aber ich freue mich wirklich ſo ſehr über dieſelbe!

Ein viel zu lächelnder, umfangreicher Mann mit einer

unheilvollen Friſche erſcheint mit ſeiner Gattin, verläßt dieſelbe augenblicklich und ſtürzt ſich auf Twemlow, indem er ſagt:

Wie geht es Ihnen? Freut mich außerordentlich, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. Sie haben hier ein charmantes Haus. Ich hoffe, wir kommen nicht zu ſpät. Freue mich wirklich ſehr über dieſe Gelegenheit!

Bei dieſem Schlage hüpfte Twemlow zuerſt in ſeinen zierlichen kleinen Schuhen und ſauberen ſeidenen Strümpfen, die einer erloſchenen Mode angehörten, zweimal rückwärts, wie wenn er ſich nicht enthalten könne, über ein hinter

ihm ſtehendes Sopha zu ſpringen; aber der umfangreiche

Mann bemächtigte ſich ſeiner und war zu ſtark für ihn. Vergönnen Sie mir, ſagte der umfangreiche Mann,

indem er aus der Entfernung die Aufmerkſamkeit ſeiner

Twemlow aber fühlt, nachdem er dieſes fürchterliche Ereigniß überſtanden und die Verſchmelzung von Boots in Brewer und von Brewer in Boots wahrgenommen und außerdem die Bemerkung gemacht, daß vier vorſich⸗ tige Gäſte von den noch übrigen ſieben mit wandernden Blicken eintreten und entſchloſſen ſind, ſich in Bezug auf Veneering's Identität nicht zu compromittiren, bis Ve⸗ neering ſie in ſeinem Griffe hält: Twemlow, der aus dieſen Studien ſeinen Vortheil gezogen, fühlt, daß ein wohlthätiger Verhärtungsprozeß mit ſeinem Gehirn vor⸗

geht, indem er zu dem Schluſſe gelangt, daß er wirklich

Veneerings älteſter Freund iſt, doch erweicht ſich daſſelbe augenblicklich wieder, da ſeine Augen plötzlich auf

Veneering und den umfangreichen Mann fallen, die Arm in Arm, wie Zwillingsbrüder, im hinteren Beſuchzimmer

an der Gewächshausthür ſtehen, und ſeine Ohren ihn

zugleich vermittelſt Mrs. Veneering's Stimme unterrichten,

daß der umfangreiche Mann des Kleinen Pathe ſein wird. Es iſt angerichtet! So ſpricht der kummervolle Söldner, wie wenn er

ſagen wollte:Kommt hinunter und laßt Euch vergiften,

Ihr unglückſeligen Menſchenkinder!

Twemlow, der keine Dame zu führen hat, folgt, die. I

Hand an die Stirn drückend, in der Nachhut. Boots und Brewer flüſtern, ihn unwohl wähnend:Dem Manne

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