Als Content die Anhöhe hinankam, von welcher aus ſein Ba⸗ ter noch vor einigen Stunden das Thal überſchaut hatte, erblickte Ruth zum letzten Male deutlich ſeine Geſtalt. Jetzt folgten einige aͤngſtliche Augenblicke, und athemlos lauſchte ſie auf das Geräuſch der Huftritte von Contents Roſſe, welche nur ſchwach und in Zwi⸗ ſchenraͤumen bis zu ihr herübertönten. Bald verhallten auch dieſe in der Ferne, da der junge Mann jetzt den Saum des Waldes erreicht hatte, und mit jäher Haſt in das Dickicht hineinſetzte.
Je läͤnger Ruth bei den Palliſaden harrte, deſto lebhafter wurde natürlich ihre Ungeduld, deſto höher ſtieg ihre fieberhafte Unruhe, bis ſie endlich die Pforte wieder öffnete, und hinter den Palliſaden hervortrat, welche ihr die Ausſicht bisher beengt hatten. Ein unbeſtimmtes Gefühl von Angſt trieb ſie weiter und weiter, und ſie wandelte den Pfad entlang, welchen noch eben ihr Mann eingeſchlagen hatte. Anfangs ging ſie zögernd und langſam; dann raſcher und raſcher; bis ſie endlich athemlos den Hägel erreichte, wo ſie Content zuletzt geſehen hatte.
Hier ſtand ſie ſtill; denn ſie glaubte eine Geſtalt zu ſehen, welche aus dem Walde gerade an dem Punkte hervortrat, von wo ſie ihren Gatten erwartete. Aber ihr Auge hatte ſich von dem Schatten einer ſanft dahingleitenden Wolke täuſchen laſſen, deren finſtere Umriſſe über den Bäumen und dem Waldrande ſchwebten.
Während ſie das unangenehme Gefühl der getäuſchten Hoff⸗ nung niederkämpfte, fiel ihr plötzlich voll Schreckens ein, daß ſie ja die Pforte in den Palliſaden offen gelaſſen habe. Eine tödtliche Angſt durchrieſelte ſie, und die Beſorgniß, daß ihren Kindern et⸗ was Böſes nahen könne, trieb ſie unwiderſtehlich den kaum durch⸗ meſſenen Weg wieder zurück.
Während ſie der Pforte zueilte, waren ihre Augen an den Boden geheftet, um auf der holperigen Flaͤche mit leichterer Mühe jedes Hinderniß überwinden zu können. Dennoch flog ihr Blick zuweilen ringsum, und traf plötzlich auf ein Etwas, das ihre Ner⸗ ven erbeben, ihr Blut in den Adern gerinnen machte. Halb be⸗ wußtlos ſtuͤrzte ſie weiter, und hielt nicht eher wieder inne, als in einer gewiſſen Entfernung von dem Gegenſtande, welcher ſie ſo hef⸗ tig erſchreckt hatte. Ihr Fuß zauderte, und ſie überlegte, was ſte in ihrer Lage am beſten thun könne. Aber nur einen Angenblick; dann eilte ſie mit neu beflügelter Eile der Pforte zu, warf die Thüre in's Schloß, und legte in großer Haſt und mit zitternden Händen alle Riegel vor.
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