44
Brief, ſchlich ſich in Adelens Schlafgemach und ſetzte ſich hinter die Gardine, nachdem ſie zuvor einen Blick auf das Bett geworfen hatte.
Adelens Angeſicht war bleich, ſo bleich, daß nicht eine einzige Roſe darauf ſichtbar war. Ein Ausdruck kaum eingewiegten Schmerzes ſchwebte noch um ihre zuſammengekniffenen Lippen und der dunkelblaue Ring, in welchem ſeit einigen Wochen ihr Auge gleichſam eingefaßt war, ſtach waͤhrend des Schlafes noch duͤſterer und ſinſterer gegen den Lilienteint des Geſichts ab.
Waͤhrend aber Adele dieſe lange entbehrte Ruhe genießt— dafern es eine iſt, denn von Zeit zu Zeit geht ein Zucken durch ihre Glieder— wollen wir hinter den Vorhang blicken und Honorinen betrachten.
Waͤhrend des Leſens dieſes Briefes von Philipp, mußte eine maͤchtige Gemuͤthsbewegung ſie erſchuͤttert haben, dann erſt nahm ihre Wange die ſchoͤne Farbe einer reinen Abendroͤthe an, darauf ward es eine Abend⸗ roͤthe in Purpur, welche gleichwohl bald an eine Abend⸗ röthe der Art erinnerte, wo die Sonne in Blut un⸗ tergeht.
Und ihr Blick, dieſer ſo ruhige und anmuthige Blick, hatte einen ſolchen Glanz, einen ſolchen Aus⸗ druck wonnevollen Erſtaunens erhalten, daß man bei deſſen Anblick nur an ein Bild gedacht haben wuͤrde, naͤmlich das Bild zweier Augen, die, nachdem ſie mit einer Binde bedeckt geweſen, bei Entfernung derſelben
hinei
als ohne duͤrfe


