7
höher geſchaͤtzt, als das des Kammerraths, aber die Gut⸗ muͤthigkeit des Kammerraths ging weit uͤber die des Medizinalraths, denn dieſer war ein ſtolzer und einge⸗ bildeter Mann, der ſich freilich niemals als ſolcher bei ſeiner Favoritpatientin zeigte, die ihm den Kopf ganz ver⸗ dreht gemacht hatte.
Doch wir kehren zu dem Kammerrath zuruͤck, wel⸗ cher, anſtatt die Dreiſtigkeit und Zuverſicht ſeines Ne⸗ benbuhlers zu zeigen, ſich ganz ſchuͤchtern an der Thuͤr verbeugte und eine Entſchuldigung ſtammelte, welche Lilia nicht hoͤrte.
„Der werdende Maͤrtyrer“— wir haben gewagt, ihn ſo zu nennen, weil ſeine vorzugsweiſe milden Eigen⸗ ſchaften ihn in Lilia's Gunſt ſchon auf eine hoͤhere Stufe ſtellten, als der Medizinalrath erreicht hatte— der wer⸗ dende Maͤrtyrer war ein von Geſtalt kleiner Mann, aber dieſe Geſtalt war fehlerfrei und hatte ſchoͤne Pro⸗ portionen, waͤhrend zugleich die anmuthige Weichheit in allen ſeinen Bewegungen ihm einen großen Vorzug vor dem Medizinalrath gab, welcher lang und ſteif, hager und ſchroff, nur durch Studium einige Anmuth zu be⸗ ſitzen ſchien, die demzufolge auch total wegblieb, wenn es ihm nicht einfiel, ſie haben zu wollen.
Auch in Bezug auf die Mienen hatte der Kam⸗ merrath den Vorzug.
Wenn man zum Beiſpiel die Phyſiognomie des Medizinalraths mit dem Grinſen verglich, welches ein


