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Anfechtung? ſagen Sie. Wir armen Frauen ſind neu⸗ gierig, auch wenn wir uns kuͤmmern und ſehnen.“
Es lag in Lilia's Ton und Worten etwas, was den Doctor um ſeines Freundes willen unangenehm be⸗ ruͤhrte und uͤberdies lag in ihrem ganzen Ausſehen und Weſen etwas, was den Begriff, den der Doctor von Kummer und Sehnſucht hatte, durchaus nicht entſprach.
Er ward uͤberraſcht, waͤhrend ſie das Billet las, auf ihrem ſchoͤnen Antlitz ganz deutlich einen heimlichen Triumph wahrzunehmen— vielleicht fand ſich daneben uch ein Ausdruck der Freude, aber dann war es mehr die der Eitelkeit als des Herzens.
„Dieſe Anfechtung, meine beſte Frau Thurné... ja, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll...“
„Thun Sie das!“
„Dieſe Anfechtung hatte die groͤßtmoͤgliche Familien⸗ aͤhnlichkeit mit einer in ſich verſchloſſenen Verzweiflung. Philipp war auch ein Zweifler.“
„Ach, mein Gott— gruͤbelt er vielleicht uͤber reli⸗ gioͤſe Dinge?*
„Nein, ſo viel ich weiß.“
„Nun, in welchem Falle war er da ein Zweifler?“
„Damals zweifelte er beinahe an Allem.“
„Wie?“
„Er zweifelte an ſich ſelbſt, an Ihnen, ſelbſt an der Liebe und dem Gluͤck, welches er, wie man allgemein glaubt, genießen muß.“


