29.
Mein ödes Herz erfüllt ſich mählig Und breitet ſich zu einer Siegesfahne aus. Vitalis.
William, der dieſe Nacht nicht ſehr vom Schlafe verſucht worden war, hatte ſchon lange nach der Mor⸗ genſonne geſpäht, als ſie endlich zu ſeiner unausſprech⸗ lichen Freude zwiſchen den Blumenvaſen am Fenſter hervorſchaute.
Es war zwar noch lange bis zu der Stunde, wo ſich Frau N. bei des Rathsherren einfinden ſollte, aber William hatte doch den Troſt, ſagen zu können:„Es wird heute geſchehen!“ Und er wiederholte dieſes„heute“ mit um ſo größerer Sicherheit, als er ſich ſelbſt das heilige Verſprechen gegeben hatte, wenn auch die Tan⸗ ten der ganzen Stadt einen Bund gegen ihn ſchließen würden, ihnen zum Trotz noch vor dem Abend Bräu⸗ tigam zu ſein— ſo fern nicht: doch es war ja un⸗ möglich, daß Marie Luiſe noch einmal——
Des Sieges gewiß, begann er im Auf⸗ und Ab⸗ gehen eine muntere Weiſe zu trällern, welche bald die Rathsherrin erweckte und ihr verkündigte, daß er zum Einnehmen des Kaffee's bereit ſei.
Um eilf Uhr kam Frau N. über die Straße herüber und kaum hatte ſie die Thüre zu dem kleinen Wohnzimmer des Rathsherrn geſchloſſen, als William wie ein Pfeil die Leanderſche Treppe hinauf flog. Beinah athemlos vor Furcht, daß ein neues Hinder⸗ niß ihm in den Weg kommen könnte, ſchoß er die Thüre zu Marie Luiſens Zimmer hinauf, wo er ſie in beredter Verwirrung am Fenſter im Erker ſtehen fand.
„Jetzt, jetzt, guter Gott, jetzt!“ rief er und ſchloß


