Wieder ſaß Marie Luiſe da und illuminirte Kar⸗ ten; wieder ſtand William hinter ihrem Stuhl und folgte aufmerkſam jeder Bewegung ihrer Hand. Und wandte ſie dann bei irgend einer zufälligen Frage den Kopf, ſo begegnets ſie einem Blick, der ihr trotz der Wittwentracht das Blut in die Wangen jagte. Aber wenn ſich William auf dieſen Blicken ertappt ſah, die noch als Kontrebande betrachtet werden konnten, ſo gab
er immer Geſchäfte vor und eilte heim. Er fürchtete
ſich ſo ſehr, Marie Luiſen Veranlaſſung zu einer Klage über Mangel an Zartgefühl zu geben.
„Dieſe Biſten,“ hieß es jetzt unter den Stadt⸗ damen,„fangen wirklich an, verdächtig zu werden— aber er wird doch nicht ſo alles geſunden Menſchen⸗ verſtandes baar ſein, unſer braver, vortrefflicher Inge⸗ nieur, daß er ſeine Blicke im Ernſt auf den allerge⸗ ringſten Gegenſtand heftet, da er ſich doch ſichere Hoff⸗ nung auf die beſten Partien in der Stadt machen kann!“
„O nein, o nein,“ tröſteten ſich die würdigen Da⸗ men ſelbſt,„es iſt nur Menſchlichkeit, reine Menſchlich⸗ keit, weil er uns nachahmen will! Es weiß ja Jeder⸗ mann, daß ſie nie mehr nöthig hatte, Karten zu illu⸗ miniren als jetzt!’¹?
Aber die Rathsherrin kneipte ihren kleinen Inge⸗ nieur in die Wange und ſagte:„Nimm Dich nur in Acht, und thue nichts zur unrechten Zeit— erinnere Dich, daß es lang iſt, bis das Jahr zu Ende geht; weißt Du das, mein junger Herr?“
William antwortete in demſelben ſcherzhaften Tone: „Wenn das Wittwenjahr zu Ende iſt, ſo darf die Wittwe heirathen. Aber hat Tante Gretchen auch ge⸗ hört, welche Zeit das Geſetz zum Anfang einer neuen Werbung feſtgeſetzt hat?“
Du Spitzbube— das Geſetz konnte nicht an Alles denken. Müßte aber ich ein Geſetz machen, ſo ſollte Werbung und Hochzeit immer ſchnell auf ein⸗


