———
29
„Ja, ich höre, Rathsherr Utters haben einen Miethgaſt genommen.“
„Einen ganz artigen und außerordentlich gebildeten Mann.“
„Wirklich!“ ſagte das Fräulein.
In dieſem einfachen Wort lag kein Ausdruck, der
einen Zweifel oder einen Widerſpruch der gemachten
Behauptung vermuthen ließ, aber ſo allein und ohne alle Zugabe lag doch etwas Aergerliches darin, und William, der mit dem einen Ohr der leiſen Con⸗ verſation am Damentiſche gefolgt war, brannte vor Verdruß. Er konnte zwar für ſich ſelbſt nicht behaup⸗ ten, daß er ein vollkommen gebildeter Mann ſei, aber er glaubte doch etwas der Art zu ſein und wußte nicht, wie er zu dem„wirklich“ des Fräuleins Veranlaſſung gegeben haben ſollte, außer etwa— ach! wie dumm, — da haben wir's— durch Carls Sendung wegen der Reinſchrift. Das hätte auf einem andern Wege vor ſich gehen ſollen. Er konnte jedoch keine Ahnung davon haben, daß ſeine Nachbarin, die er ſich als eine kleine hübſche Kokette gedacht hatte, dafür als eine Dame von der allerpräſentabelſten Gattung aufzutreten beliebte.
Ohne recht zu wiſſen, wie es zugegangen war, ſah ſich William bald in den Theil des Zimmers verſetzt, den die Damen mit ihren Handarbeiten eingenommen hatten und wo die Wirthin jetzt den Ingenieur Wil⸗ liamsſon Fräulein N. vorſtellte, mit dem naiven Zu⸗ ſatz: man könne ſich übrigens wohl denken, daß der In⸗ genieur mit eigenen Augen ſeine ſchöne Nachbarin gegenüber bemerkt haben werde.
„Meines Wiſſens habe ich bis jetzt noch nicht die Ehre gehabt,“ antwortete William, der ſich noch nicht ſo weit erholt hatte, um die Wahrheit zu ſagen.
„Nein, da höre man nur, welch' ein Schelm!— er will alte, erfahrene Frauen zum Beſten haben! Wenn ich nun ſage, daß ich dem Herrn Ingenieur anſehe—


