„Nein, das kann man nicht ſagen. Man ſieht ihr's auch gar nicht an. Sie blüht wie meine ſchön⸗ ſten Roſen mitten im Sommer.
Nach dieſem Geſpräch ließ William ſeinen Blick wenigſtens zehn Mal in jeder Viertelſtunde von ſeinem Fenſter nach dem ſeiner Nachbarn hinüber ſchweifen. Aber er entdeckte keine Roſe.„Sie könnte doch zu Hauſe ſein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, ohne ſich am Fen⸗ ſter ſehen zu laſſen— aber das will ich bald wiſſen — Carl!“
„Herr Ingenieur!“
„Spring hinüber zu Frau N., die auf dem Dach⸗ boden wohnt und kaufe ſechs Ta feln Chokolade.“
Carl war ſchon im andern Zimmer, als er wie zufälligerweiſe wieder zurück gerufen wurde.„Höre— da erinnere ich mich eben, ich wollte auch noch etwas Anderes. Frage zugleich, ob nicht Jemand in dem Hauſe wohnt, der eine Reinſchrift uübernehme. Ich habe gehört, daß Jemand dort ſein ſolle.“
Jetzt zog der Ingenieur ſeine Jalouſieen zuſammen und hinter dieſen verborgen, das Auge an ein kleines Loch gedrückt, das er nach der intereſſanten Entdeckung zufälligerweiſe geriſſen hatte, welches Loch aber eine tiefe Falte bei einem etwaigen Beſuch der Rathsherrin verbarg, ſtand er jetzt auf der Lauer, um Carls Sen⸗ dung auszuſpähen.
Die Frau im Erker ſaß jedoch heute nicht am Fen⸗ ſter, das am Morgen reine weiße Gardinen bekommen hat
te.
Obſchon William ohne Rückſicht auf die Verweiſe, die er dafür von ſeiner Wirthin zu erwarten hatte, das Loch in der Jalouſie ſo ſehr, wie möglich, erwei⸗ terte, ſo war ſeine Mühe doch vergebens. Es hatte ſich nichts Bewegliches am Fenſter gezeigt, als Carl über die Straße zurück geſprungen kam.
„Nun?“ fragte der Ingenieur und erhob den Blick


