22 „Wie— ein Frauenzimmer?“
barin des Herrn Ingenieurs im Erker gegenüber.“
„Die artige Frau?“
„So, ſo, der Herr Ingenieur hat, wie ich höre, ſchon ſeine Enideckungen gemacht! Allein die Frau iſt es nicht; ſie weiß wahrhaftig keinen andern Nutzen aus dem Papier zu gewinnen, als daß ſie es an ihre alten Chokoladetafeln verderbt. Aber ſehen Sie, die Tochter:„das ſchöne Fräulein im Erker,“ wie wir ſie nennen— die weis, zu was ein Bogen Papier taugt. Sie kann ihn nicht nur voll ſchreiben, ohne auf den Rand zu ſchmieren, ſie kann auch das vortrefflichſte Straminpapier machen, worauf ſie dann Blumen und Muſter zeichnet, mein Herr Ingenieur, die das kleine, geſchickte Fräulein den Pflanzen nachbildet, welche ich in meinem Gartchen da draußen ziehe.“
„Ach, mein beſter Herr Rathsherr, das iſt ja ein ganzer Netzzug voll Neuigkeiten, jubelte der Inge⸗ nieur vergnügt.„Da kommt mir plötzlich eine Idee! Wenn das ſchöne Fräulein ſo geſchickt im Muſterzeich⸗ nen iſt, ſo wette ich was, ſie kann auch meine Karten copiren oder illuminiren.“
„Ja, ich ſtehe dafür, daß ſie kann, was ſie will. Aber es hat nur einen Hacken, und der iſt, daß ſie ge⸗ genwärtig nicht daheim iſt. Sie fuhr vor einigen Wochen zu einem vornehmen Hauſe auf's Land, wo ſie Lektionen im Zeichnen gibt, aber ſie wird wohl näch⸗ ſtens wieder heimkommen, denke ich.“
„Und dieſe ſchöne Unbekannte heißt 2
„Marie Louiſe N. Ihr Vater, ein armer Capi⸗ tän, der ſtets, um mit einem alten Sprichwort zu re⸗ den, den Kopf unter dem Arme trug, hinterließ ſeine Wittwe in den dürftigſten Umſtänden. Aber da ſie ſelbſt in ihrer Jugend ein vornehmes und gefeiertes Fräulein von guter Erziehung geweſen und nur durch den Schelm Amor veranlaßt worden war, ſich gegen
„Ja, ein Frauenzimmer und obendrein die Nach⸗
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