Teil eines Werkes 
2. Theil (1856)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

II.

Johannisvorabend.

Der von ſo Vielen mit Sehnſucht erwartete Johannisvorabend war nun endlich da und das ſchöne Wetter, welches den gan⸗ zen Tag auszeichnete, verſprach den Abend doppelt angenehm zu machen. Wie an den Saturnalien der Römer, bei denen die Sclaven von ihren Herren bedient wurden, ſo war an dem Johannisvorabend in Bes jeder Standesunterſchied für einige Stunden aufgehoben, wobei nur die einzige Bedingung beſtand, daß Alle ſauber gekleidet erſcheinen und ſich anſtändig betragen mußten. Und obgleich der freigebige Graf an dieſem Abend den ärmeren Gäſten reichlich Bier fließen ließ, ſo kam es doch nie vor, daß ſich Jemand in Worten oder Geberden verging, denn die Gegenwart der Herrſchaft hielt die Freude des Volks in den gehörigen Grenzen und ließ ſie nicht in Wildheit ausarten.

Graf H war ungeachtet ſeines Ahnenſtolzes und ſeines übertriebenen Ehrgeizes, ſobald es ſeinem gräflichen Namen galt, ein guter Hau sherr und ein freundlicher Beherrſcher ſei⸗ ner Unterthanen. Jeder, auch der Geringſte, hatte freien Zu⸗ tritt zu ihm und konnte Rath und Beiſtand von ihm verlan⸗ gen. Darum war er auch bei Allen ſehr beliebt. Allein die Gräfin war ſtolzer und hielt Perſonen geringeren Standes ſtets in einer gewiſſen Entfernung von ſich; deshalb war ſie auch weniger beliebt, als der Graf. Dagegen konnte Fräulein Louiſe, deren bei jeder Gelegenheit ſichtbarer Hochmuth nicht zu ertra⸗ Emma's Herz. II. 2