flog ihrem Bruder mit einem Freudenruf um den Hals und rief:—„Dank, großen Dank, guter Wilhelm! Du biſt doch ein herrlicher Junge.“—
Alles war vollkommen nach Wunſche und Emilie war
außer ſich vor Freude.—„O, was werde ich für eine herr⸗ liche Wahrſagerin werden!— rief ſie.—„Ich pudre mir
das Haar, ſo daß es grau ausſieht; einige Zähne beſtreiche ich mit Gummi, ſo daß es ausſieht, als ob ſie fehlten; auch nehme ich Etwas in den Mund, damit ich beim Sprechen⸗ ſchnarre. Uebrigens will ich mir das Geſicht ſo gelb malen, daß es ausſehen muß, als wenn ich von eitel Kaffeeſatz lebte. Ja, ich wette, daß mich Niemand erkennen ſoll.“— Wilhelm beſchrieb nun, wie er Tante Gertrud beſchwatzt und welche Mühe er angewendet hatte, um ſie dahin zu brin⸗ gen, ihm ihre alten Kleider zu leihen. In dieſem Augenblicke gewahrte er einen Gürtel Emma's, welcher auf dem Tiſche lag.—„Was iſt das?— frug er.—„Ein Gürtel⸗— antwortete Emma.—„Aber wie iſt es wohl möglich, daß Mamſell Hilbert ſo ſchlanken Leibes iſt? das kann nicht ſein.“ —„O ja, der Gürtel iſt weit genug.⸗—„Das muß ich verſuchen.“— Er legte den Gürtel um Emma'’s Leib, und fand zu ſeinem Erſtaunen, daß derſelbe hinlänglich weit war. Aber in demſelben Augenblick, in welchem Wilhelm ſeinen Arm um Emma's Leib gebogen hatte, um den Gürtel darum zu legen, ging Fridolf vor dem Fenſter vorüber und blickte in das Zimmer, ohne daß er von den darin befindlichen Per⸗ ſonen bemerkt wurde. Zugleich fügte es der Zufall, daß ſich Emilie ſoeben in einem Winkel niedergebückt hatte, um einen der feuerrothen Schuhe mit hohen weißen Abſätzen, die zu ihrem geliehenen Koſtüm gehörten, anzuprobiren; Fridolf ſah daher Niemand, als Wilhelm und Emma und eilte, um von ihnen nicht geſehen zu werden, ſo ſchnell er konnte, davon, mit der Ueberzeugung, daß ſein Nebenbuhler Emma umarmt habe.


