ganz anders ſprach. Er umarmte und küßte mich nochmals, und wir ſchieden als die beſten Freunde von der Welt. Ach, Emma, wenn Du wüßteſt, welchen guten Vater ich habe! Aber wenn er ſeine ernſte Miene annimmt, dann iſt wahrhaf⸗ tig nicht mit ihm zu ſpaßen. Und ſeine Drohung hat ſo viel bei mir gewirkt, daß ich von nun an den Magiſter Ar⸗ ver⸗ meide, weil ich fürchte, daß ich gegen meinen Willen die Au⸗ genſprache mit ihm ſpreche oder leſe.”—
Den Tyroleranzug auf dem Arme hatte Emma ſchweigend der Erzählung Emiliens zugehört. Erfreut, daß ſie dadurch Gelegenheit fand, ihre eignen Gedanken zu zerſtreuen, heftete ſie ihre Aufmerkſamkeit mit lebhaftem Intereſſe an jedes Wort, welches ihre Freundin ſprach. Als Emilie geendigt hatte, ſprach Emma:—„Aber wie konnteſt Du ſo kindiſch ſein, Emilie, und Deinem Vater ſolche Sachen vorſchwatzen? Schämſt Du Dich nicht Deiner Einfalt, vorzüglich da Dir der Magiſter ſeine Liebe nie erklärt hat?—„Nein, warum ſollte ich mich denn ſchämen?— fragte Emilie.— Mein Herz hat nie einen Gedanken gehegt, deſſen ich mich zu ſchämen brauche; und da der Allwiſſende darin lieſt, warum ſoll nicht auch mein Vater darin leſen?“— Emma erröthete bei dieſen Worten der liebenswürdigen Emilie und ſchlug die Augen nieder. Eine Erinnerung an Eduard ſagte ihr, daß ſie ihrerſeits manchen Gedanken hege, den ſie zwar nicht vor dem Allmächtigen ver⸗ bergen konnte, den ſie aber um Alles in der Welt ihrem Va⸗ ter nicht mitgetheilt hätte.
„Iſt es nicht wahr, gute Emma“— fuhr Emilie fort— „daß jeder Menſch einen Vertrauten braucht, dem er mittheilen kann, was in ſeinem Innern vorgeht? Wie unrecht iſt es alſo, ſolche Vertraute zu wählen, die nicht klüger als wir ſelbſt ſind und die uns trotz des beſten Willens durch Unerfahrenheit und Unverſtand irre leiten können. Nein, beſſer iſt es, ſich einen Vertrauten zu wählen, von dem man weiß, daß er unſer


