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Ein Jahr : Novelle ; fünf Bändchen / von Emilie Carlén. Aus dem Schwed. von C. F. Frisch
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359 Du mir den Wahnſinn verzeiheſt, der damals über mich kam; heute bitte ich Dich mit brennenden, heiligen Bitten: werde meine, werde meine angebetete, verehrte Gattin, mein Leben, mein Alles! Die Gefuhle, welche Du ein⸗ flößeſt, ſind ſo gewaltig und dabei doch ſo ſanft, daß ſie mich wechſelsweiſe die reinſte Seligkeit und die verzehrendſte Marter empfinden laſſen— ich meine nicht die Marter

der Eiferſucht, ſondern der Furcht, der unſäglichen, ſchreck⸗ lichen Furcht, daß Du nicht wirklich denjenigen lieben

kannſt, welchen Du einmal verabſcheueteſt. Denn außer einer ungetheilten Liebe öffnet mir der Himmel keinen Eingang.“

Er ſchwieg, und nur noch ſeine Blicke fragten.

„Alſo, Ludwig,“ ſtammelte Lavinia,„Du würdeſt, wenn ich dieſe Gefühle nicht theilte, bei Deinem an unſerm Hochzeitabende ausgeſprochenen Beſchluſſe verharren?“

Ludwig ſah ſie an mit einem Blicke voll der unbe⸗ ſchreiblichſten Liebe und Unruhe.

„Nichts,“ ſagte er,„könnte mir Deinen Verluſt er⸗ ſetzen, nichts aber würde mir einen Erſatz für den Schmerz geben, ein ganzes Leben an der Seite eines Weibes hin⸗ zuleben, für welche ich brennte, während ſie ſtets kalt bliebe. Lieber, ja... lieber Trennung!“

Auf Lavinia's Lippen ſchwebte ein Lächeln von faſt heiliger Schönheit. Und während erröthende Flammen über ihr Antlitz fuhren, antwortete ſie leiſe, aber doch klar und feſt:

„Da Du Deine eigene Geſchichte kennſt, ſo kennſt Du auch die meinige; und es wäre ganz meinem Cha⸗ rakter und meiner Geſinnung zuwider, wenn ich durch ein gefallſüchtiges Ausweichen dieſes Bekenntniß verzögern wollte. O, Ludwig, ich kenne Dich auch allzu wohl, als daß ich nicht wiſſen ſollte, daß Du, der Du nie vor den Füßen eines Weibes gekniet haſt, es auch jetzt nicht vor mir gethan haben würdeſt, wenn Du Dir nicht ſchon

vorher alle Gewißheit verſchafft hätteſt, die Du haben