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Beſuch des Barons L—, und einige Minuten ſpäter trat der Miether ein.
Er war ein ſchöner Jüngling mit ſchwärmeriſchen Augen und einem feinen Zuge von ſtillem nachdenklichem Ernſte auf der Stirne. In ſeinem ganzen Weſen ſprach ſich das Bedürfniß aus, nicht leidend zu erſcheinen; und ſobald die erſteu Begrüßungen vorüber waren, ſo erklärte er offen, daß ſein Wunſch nach einer einſamen Wohnung keinesweges ſeinen Grund in einer geſchwächten Geſund⸗ heit habe, welche nicht ſchwächer wäre, als daß er bis⸗ weilen Geſellſchaft ertragen könnte, ſondern daß er Frei⸗ heit haben wollte, dieſe nach eigenem Geſchmacke zu wäh⸗ len und ſich beſonders in der Stille dem Vergnügen ſeiner Studien hingeben zu können.
Nach dieſem erſten ganz kurzen Beſuche, der Anfangs zwei bis dreimal in der Woche wiederholt wurde, ſtattete er zuletzt regelmäßig an jedem Tage eine Viſitte zu der⸗ ſelben Zeit ab, und ſo gewohnt wurden ſowohl Tante Schönberg als auch Lavinia der feſſelnden Anmuth dieſer Stunden, daß ſie ſich oft lächelnde Blicke zuwarfen, wenn ihre Augen ſich bei der Uhr begegneten.
Baron L— ging des Abends nie aus.„Man muß mit dem Leben haushälteriſch umgehen, wenn man nicht viel zu verſchwenden hat,“ pflegte er zu ſagen Lavinia traf ihn alſo in keinem von den fröhlichen Abendkreiſen der Stadt; bisweilen aber ſah ſie ihn bei einem Mittags⸗ ſchmauſe, und faſt an jedem Morgen, wenn er zu Pferde ſtieg, um eine halbe Stunde ſpazieren zu reiten.
Die wohlehuende Luft der Stadt oder die Ordinatio⸗ nen des Doctors ſchienen einen glücklichen Einfluß auf die Geſundheit des Barons auszuuͤben, und nach einiger Zeit wurde er ſo geſellig, daß er auch an den Vormitta⸗ gen ſeinen Wirthinnen aufwartete. Da inzwiſchen Tante Schönberg die alte gute Gewohnheit hatte— von welcher ſie ihrem Miether zu Liebe keinesitges abſtehen wollte— nicht eher aufzuſtehen, als zwiſchst if und zuulf lihr, ſo


