dinen hatte ſie dagegen ihr Betragen bedeutend verändert: jetzt war es eine Art von vertraulicher und großmüthiger Herablaſſung, welche es vermied, ein Geſchöpf zu beleidi⸗ gen, welches natürlicher Weiſe an ſeinen eigenen Vorwür⸗ fen genug haben mußte.
„So ſtanden die Sachen, als an einem Abende beim Anfange des Herbſtes, da ich allein in der kleinen All⸗ tagsſtube ſaß, Leopoldine ſchnell mit einer ganzen Handvoll Brieſchen hereinkam.
„Sie brach in Thränen aus, warf ſich in die Ecke des Sopha's und ſagte mit gewaltiger Gemüthsbewegung:„Hat ſich denn die ganze Welt verſchworen, mir eine Verachtung zu zeigen, deren Grund ich unmöglich finden kann? Sieh, mein guter Wilhelm! Du, der Du mich nicht verachteſt, ſondern noch immer der Freund der armen Leopoldine biſt — ſieh, welche kalten und gezwungen höflichen Weigerun⸗ gen ich auf meine Einladungen zu Richard's Namenstage erhalten habe! Ich hatte gehofft, durch ein kleines Feſt, an welchem alle froh und vergnügt ſein koͤnnten, die alte Vertraulichkeit wieder anknüpfen zu können; doch ſieh, von dreißig Perſonen, die ich eingeladen habe, können kaum
zehn kommen.. Verſtehſt Du etwas dergleichen?“ Sie reichte mir die abſcheulichen Papiere. „Um Zeit zu gewinnen, nahm ich das eine nach dem
andern. Ich begriff, wie tief alle dieſe kleinen Nadelſtiche
Leopoldinens Feingefühl verletzen mußten, und ich raſ'te⸗ vor Verzweiflung, denn die Unſchuldige litt ja um mei⸗ netwillen!
„Mein Kopf brannte, meine Pulſe flogen; ich ver⸗
zweifelte daran, ſie retten zu können. O mein Gott, was ſollte ich thun?„Fleuch, fleuch!“ rief die mahnende innere Stimme, und ich beſchloß ihr zu folgen. Doch zuvor mußte ich mit Richard reden: ich wollte ſein Haus nicht gleich einem Miſſethäter verlaſſen.
„Ich beſchwöre Dich, Wilhelm!“ bat Leopoldine mit
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ſchauderte, worauf wir ſämmtlich ſtanden. Gegen Leopol⸗ der lieblich
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