Ich unterſuchte jeden Winkel meines Herzens, meiner Seele, und dieſem ſtrenge prüfenden Blicke konnte der verſteckte Ort, wo das verſchleierte Götterbild ſich verbarg, der Entdeckung nicht entgehen. Erſtaunen und Schmerz beugten mich nieder. Ich fand, daß ich nur einen grau⸗ ſamen, bittern Scherz mit mir ſelbſt getrieben hatte.
„Ich ſchrieb von Neuem an Richard und nahm mein Verſprechen zurück. Doch mein Brief muß die Unord⸗ nung verrathen haben, worin ſich meine Gedanken befan⸗ den; denn weit entfernt, eine Antwort zu erhalten, welche, wie ich erwartete, fuͤr immer unſer vertrauliches Verhält⸗ niß abbrechen ſollte, erhielt ich nur noch wärmere und dringendere Aufforderungen, zu kommen.„Ich bin über⸗ zeugt,“ ſchrieb er,„Du leideſt an einem Kummer, den Du mir verhehlen willſt;„kommſt Du nicht, ſo mache Dich darauf gefaßt, daß ich Dich hole!“
„Und dieſem Briefe waren folgende Worte von Leo⸗ poldinens Hand beigefügt:„Wilhelm, wir ſehnen uns nach Dir!“
„Noch einmal verſuchte ich es, zu widerſtreben: doch überall, wohin ich blickte, ſah ich dieſe Worte:„Wil⸗ helm, wir ſehnen uns nach Dir!“ und Tag und Nacht klangen ſie in meinen Ohren.
„Noch einmal ſchrieb ich:„Ich komme!“
„Am Abende vor dieſer Abreiſe wurde ich von Ah⸗ nungen heimgeſucht, die eben ſo ſchwer und düſter waren, als diejenigen, welche mich und Richard an dem Morgen ſeiner Abreiſe, da wir zum letzten Male uns auf Helge⸗ näs bei einander befanden.„Ach, er iſt nie zurückgekehrt,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„und ich— werde ich wohl je wiederkehren, und wenn ich wiederkehre— wie hat wohl dann mein Schickſal ſich entwickelt? Werde ich wohl dann einen neuen Sieg erfochten haben? Wird wohl das ſtolze
Selbſtbewußtſein, mächtiger geweſen zu ſein, als die Macht,
welche mich jetzt beherrſcht, mich aufrecht erhalten? Oder wird...“
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