23
Tiſche ſtand die neue Königin, die Krone auf dem Haupte und ihre edle hohe Geſtalt umfloſſen vom könig⸗ lichen Hermelin, als Hauptfigur des Bildes. Es war ein Ceremoniengemälde, das eben nur durch die dar⸗ geſtellte Königin ſeinen Werth erhielt, denn in ihrem feinen Antlitz ſprach ſich ein Zug von Ironie aus, der
bei der Aehnlichkeit des Geſichts, welche wiederzugeben dem Maler außerordentlich gelungen war, demſelben einen geiſtigen Ausdruck lieh, aus dem ſich die Erhe⸗ bung dieſer hohen Frau über die Unbedeutendheit eines durch alle künſtlichen Mittel geſteigerten königlichen Glanzes leicht herausfühlen ließ.
Die Prinzeß weilte mit Vorliebe vor dieſem Bilde. Es war etwas geiſtig Verwandtes, das aus dem lächeln⸗ den Antlitz dieſer Königin zu ihr ſprach.
Neben dieſem ſie anziehenden Gemälde hing eins, das eine glückliche, häusliche Scene zwiſchen dem gro⸗ ßen Kurfürſten Friedrich Wilhelm und ſeiner Gemahlin, jener ſanften und wegen ihres kindlich frommen und über⸗ aus leutſeligen Weſens von allen geliebten Oranierin, Louiſe Henriette, zum Vorwurf hatte. Sie, die Augen begeiſtert aufwärts hebend und ihrem Gemahle das von ihr gedichtete Kirchenlied:„Jeſus meine Zuver⸗ ſicht“ unter Klavierbegleitung vorſingend, während er
die Hände im tiefſten Ergriffenſein vor ſich in einander


