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einen Brief von Dir überbracht, welcher ihr die beſte Zukunft eröffnete, denn ſein Inhalt war ganz dazu geeignet. Du ſchriebſt ihr nämlich, daß Deine gnä⸗ dige Stiefmama, meine Mutter, Todes verblichen ſei, ſie alſo keine Beläſtigung von derſelben zu fürchten habe. Deine Gemahlin ſprach mit mir über dieſe höchſt günſtige Ausſicht, denn es war ſelbſtverſtändlich, daß ſie ſich eben nur darüber freuen konnte, die unbeſchränkte Herrin eines Grafenhauſes zu werden.“
„Aber es war ein abſcheulicher Betrug, den man da gegen ſie ausgeübt hat“, ſprach Fortunatus.
„Bruder, muß ich Dich erſt lehren, daß man das⸗ jenige, was man thun will, ganz thun ſoll? Alle Halbheit iſt in den meiſten Fällen der größte Schaden für den, welcher einen Zweck anſtrebt“, antwortete der Baron voll Ruhe und fuhr dann lächelnd fort:„Die Bres⸗ auer ſind eine ſchlaue Geſellſchaft, man kann ihnen das nicht abſprechen, wie Figura zeigt. Wäre es denn auch von einem bigotten Weibe, wie meine gnädige Mama ein ſolches zu ſein das Vergnügen hat, und von gut geſchulten Pfaffen anders zu erwarten geweſen? Ich habe genug im Stillen gelacht, welch eine Zärttlichkeit von Deiner Seite für meine gnädige Mama beſtehen mußte, daß dieſe erlogene Todesanzeige Deine Ge⸗ mahlin ſo angelegentlich beſchäftigen konnte.“
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