17
lichen Geſtalt lag der Reiz eines empfindungsreichen Weſens ausgegoſſen, ein Hauch von tief unter den Feſſeln ſtrenger Hut verborgener Leidenſchaftlichkeit deu⸗ tete einen Charakter an, der nur eines Anlaſſes be⸗ darf, um ſich einer Leidenſchaft unbedingt, ja wohl gar unbeſonnen hinzugeben, die ihn nicht nur zu Ent⸗ ſchlüſſen treibt, welche ſchnurſtracks gegen das Beſſere, Edle im Frauenherzen verſtoßen, ſondern auch zu deren Ausführung befähigt.
Der Fürſtin wurde Frau Binſe gemeldet.
Die würdige Gattin des lahmen, rieſigen Flügel⸗ manns erſchöpfte ſich in einer Unzahl von Knixen, ehe ſie noch die Schwelle überſchritt, und dieſe eigen⸗ thümliche Anſchauung von Höflichkeit erheiterte die hohe Frau.
Sie kannte die Binſe ſeit langen Jahren, und zwar hatte dieſe ihr oft Vergnügen durch ihre unerſchöpfliche Geſchwätzigkeit gemacht, die— und das war das Beſte — ſtets eine Neuigkeit in Vorrath hatte, ſelbſt wenn man glauben mußte, ſie habe ſich nun ganz und gar ausgegeben. Mit ihren Stadtklatſchereien glich Frau Binſe einem Born, der durch nie verſiegenden Waſſer⸗ zufluß jederzeit im Gang iſt, und ſo wenig auch die Fürſtin darnach trachtete, die Geheimniſſe und das
Thun und Treiben in den Bürgerfamilien zu ihrer
Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 2


