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trauensvoll ihrer wohlwollenden Herrin entgegenkom⸗ men, das Abfragen oder gar die Anwendung moraliſchen Zwanges ſah dieſe als einen Verderb für die ſtumme Leidträgerin an.
Während die hohe Frau ſich an einem Tiſche niederließ, auf dem Schreibzeug, Papier, einige ge⸗ ſchriebene Hefte und einzelne Rechnungen ſich befanden, und mit der Berechnung des fürſtlichen Haushalts ſich beſchäftigte, eine Arbeit, die ſie mit gewiſſenhafter Ge⸗ nauigkeit ſeit dem erſten Tage ihrer Che fortgeſetzt hatte, zeigte Anna von Audritzky eine Emſigkeit am Stickrahmen, als müſſe ſie mit dieſer Arbeit das täg⸗ liche Brod erwerben. Zuweilen warf die ſchreibende hohe Frau einen Seitenblick auf ſie, aber Anna's Geſicht blieb vor wie nach auf die Stickerei nieder⸗ gebeugt.
Anna zählte zu den Brünetten, deren Teint bei Aufregungen ſich ſcheinbar verdunkelt zeigt. Jetzt lagerte ein tiefes brennendes Roth auf ihren Wangen und der faſt finſtere Ernſt in ihren Zügen deutete ſtreng zurück⸗ gehaltene Leidenſchaftlichkeit an. Das gebräunte Ge⸗ ſicht mit den etwas ſcharf geſchnittenen Zügen ſchien verwandelt; ſonſt ſo freundlich, lebensvoll, glich es jetzt, von der Seite geſehen, einem Profil von Bronze. Sie war keine vollkommene Schönheit, aber über ihrer jugend⸗


