Teil eines Werkes 
1. Bd. (1868)
Entstehung
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bleiche Knabengeſicht und er ſprach, mähtent eine feine Röthe daſſelbe überflog:

Ihr habt geredet davon, wie es zu ermöglichen wäre, von unſere Leut' die große Unwiſſenheit und die Abgeſperrtheit zu nehmen, daß ſie nicht mehr ſo ver⸗ achtet würden von den Chriſten, und wie das nur ge⸗ ſchehen könne, wenn ſich bei uns große Chachomim fänden, deren Lehren und Beiſpiel von den Chriſten hochgeachtet würden.

Vater Mendel ſtand ſtaunend, die Hände über der Herzgrube in einander gefaltet, aus ſeinen Augen glänzte die offenbarſte Freude über ſein Fleiſch und Blut, das ſolchen Geiſt zeigte in Dingen, die andere ſeiner Altersgenoſſen gleichgültig gelaſſen hätten, und Reb Kaſcher hob jubelnd den Knaben in die Höhe, küßte ihn und rief tief bewegt:Bocherl, Bocherl, ſollſt ſein mein Chaver(Kamerad, ſolang' ich lebe. Will Dir mitbringen, wenn ich wiederkomm' von Breslau, ein prächtiges Sidur (Pſalmbuch), wie ich hab' gegeben meinen eigenen Kindern jedem eins am letzten Rock Haſchone(Neujahrsfeſt).

Er ſetzte den Kleinen auf ſeine Kniee, dem das Glück, ein prächtiges Sidur ſein nennen zu ſollen, Freuden⸗ thränen in die hellen, glänzenden Augen trieb, der aber trotzdem die Gegenwart nicht vergaß und leiſe den Reb an das verſprochene Maiſſle erinnerte.