Teil eines Werkes 
2. Bd. (1856)
Entstehung
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dieſe freundlichen Lippen hatten den in die Welt ziehenden Jüngling geſegnet. O und dieſe Mutter⸗ augen, die jetzt thränenfeucht an der Geliebten des abweſenden Sohnes hingen, hatten ſein erſtes Lächeln belauſcht, ſeinen Schlummer bewacht und immer und immer nur liebend auf den Theuren geblickt.

Ein Band der innigſten Zuneigung umſchlang bald die Herzen der beiden, einen Namen führenden Frauen.

Lydia's Geſchick war der älteren Frau Treufeldt bekannt. Sie war weiſe genug, um den Fehltritt des unglücklichen Mädchens zu beklagen, ohne die Fehlende zu verdammen, und ſie war auch weiblich genug, um in der tiefen Liebe der Unglücklichen die Sühne ihrer Schuld zu erblicken.

Lydia konnte ihrer Erziehung nach den ſtillen Frieden, den Fleiß und Gottvertrauen im Herzen ihrer Schweſter erwachſen ließen, nie ganz begreifen, noch weniger ſich ihn aneignen, in der Erziehung ihres Kindes aber fand ſie einen Lebensberuf, und in⸗ dem ſie ſich bemühte, ihren Knaben zu lehren und zu leiten, lernte ſie die Mängel und Auswüchſe ihres eigenen Charakters kennen und bemühte ſich mit treuem Fleiße ſie zu verbeſſern. Lehrend lernte ſie, und bildete unter Schmerz und Leid in ſich und 16*