40
er nicht zur Befriedigung ſeiner Freunde oder zu ſeiner gänzlichen Rechtfertigung in den Augen einer kurzſichtigen Welt hinwegerklären konnte— waren nicht ſchon viele unſchuldige Männer auf ähnliche Art beimgeſucht worden, und kommen ſolche Fälle nicht immer vor? Und wer konnte Waife ſprechen hören oder ſein ſchalkhaftes Lächeln ſehen, ohne daß ſein Gefühl ihm ſagte, dieſer Mann ſey unſchuldig? So dachte wenigſtens Caroline Montfort. Natürlich; denn wenn es in ihrem weſentlich weiblichen Charakter eine ſich durch Alles hin⸗ ziehende und Alles beherrſchende Eigenſchaft gab, ſo war es Mitleid. Hätte das Schickſal ſie in Umſtände verſetzt, die geeignet geweſen wären all die ausgeſuchten Kräfte ihrer Seele in angemeſſener Ent⸗ wicklung zur Reife zu bringen, ſo wäre ihr wahrer Poſten in dieſem Leben der einer Tröſterin geweſen. Welch ein Kind für einen gram⸗ verzehrten Vater! Welch ein Weib für einen ſchwerarbeitenden, ſtrebenden, fühlenden Mann von Genie! Welch eine Mutter für ein leidendes Kind! Es ſchien, als ob es für ſie ein Bedürfniß wäre Etwas zum Bemitleiden und Verpflegen zu haben. Sie war betrübt, wenn es Niemand zum Tröſten gab; aber ihr Lächeln war wie ein Sonnenſtrahl aus Eden, wenn es auf einen Kummer ſiel, den es hin⸗ wegſchmelzen konnte. Eben aus dieſer Sympathie gingen auch ihre Fehler hervor, Fehler des Verſtandes und Urtheils. Klug auf ihrem eigenen kalten Pfad durch das was die Welt Verſuchung nennt, weil ſo unausſprechlich rein— weil für die leichtfertigen Verführer der Faſhion ſchon ihr Gedanke ſo verſchloſſen war, wie unter der kühlen durchſichtigen Welle das Ohr Sabrinas für die Kameraden des Comus — durfte man ihr nur irgend einen menſchenfreundlichen Plan vorlegen, aus welchem ein Segen für Andere hervorſchaute, ſo umfaßte ihre Phantaſie ihn ſogleich, ihre Klugheit ſchwand— ſie ſah die Hinderniſſe nicht, wog die entgegenſtehenden Chancen nicht ab. Die Menſchenliebe kam zu ihr nicht allein, ſondern mit ihren Zwillingsgeſchwiſtern, der Hoffnung und dem Glauben.
So rollten, freundlich für den alten Mann und das ſchöne Kind,


