Teil eines Werkes 
6. - 9. Th. (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Anblick der vollkommenſten Art von weiblicher Schönheit wirkt auf alle gröberen Inſtinkte, womit die Bewunderung ſich verſetzen könnte, nicht nur nicht aufmunternd, ſondern vielmehr abſtoßend und zurück⸗ weiſend. Es muß eine gewiſſe Gemeinheit und ein Makel an der Schönheit ſeyn, die bei dem Senſualiſten ſogleich Gelüſte erweckt. In

der höhern Incarnation der abſtrakten Idee, die ſich durch all unſere Begrifſe von moraliſcher Güte und himmliſcher Reinheit hindurchzieht ſelbſt wenn in dem Moment wo das Auge das Bild ſieht das Herz daſſelbe liebt, hat die Liebe Etwas von der Verehrung in ſich, welche, wie man ſagt, die Zauber der Tugend hervorbringen würden, wenn

ihre Form ſichtbar gemacht werden könnte, und bloße menſchliche Liebe könnte ſich nicht aufdrängen, bis die holde Scheu der erſten Wirkung in der Vertraulichkeit ſich verloren hätte. Und ich fürchte, daß dieſes erhebende oder ätheriſche Attribut der Schönheit es iſt, was alle Poeten, alle Schriftſteller, welche die Wirklichkeiten des Lebens poe⸗ tiſiren möchten, unbewußt zur Huldigung drängt, und wozu ſie das⸗ jenige erheben, was, eines ſolchen Attributs entkleidet, blos ein ſchimmerndes Idol von gemaltem Thon ſeyn würde. Wenn von der ſchwungvollſten Epik bis zur abgedroſchenſten Novelle eine Heldin oft nicht viel mehr iſt als ein Name, vor welchem wir, als vor einem die Schönheit vertretenden Symbol, uns zu verbeugen aufgefordert werden, und wenn wir ſelbſt(ſeyen wir auch in unſerem gewöhnlichen Leben noch ſo gleichgültig gegen ſchöne Geſichter) fühlen, daß in der Kunſt wenigſtens die Einbildungskraft eines Bildes vom Schönen bedarf wenn mit einem Wort Dichter und Leſer hier nicht ohne Entſchuldigung daſtänden, ſo geſchieht dieß, weil in unſern innerſten Herzen ein Gefühl lebt, welches das Ideal der Schönheit mit dem Ueberſinnlichen verkettet. Wenn Du Dir zum Beiſpiel irgend einen unbeſtimmten Begriff von der Geſtalt bildeteſt, die eine reine erlöste Seele getragen, würdeſt Du ihr dann Aehnlichkeit mit einer garſtigen Hexe geben? Oder würdeſt Du nicht alle Deine Erinnerungen, alle Deine Begriffe von ſchönſten Formen plündern, um das heilige Bild zu