Teil eines Werkes 
1. - 2. Th. (1857)
Entstehung
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geräuſchlos und ſtill zur Arbeit. Als ſie ſich endlich vom Schlaf auf⸗ raffte, als ſie ihr Haar von ihren blauen Augen ſchüttelnd ſich um⸗ ſchaute und zum Bewußtſein des fremden Platzes kam, ſo meinte ſie noch immer, es ſey frühe. Aber ſie ſtand auf, zog den Vorhang vom Fenſter weg, ſah die Sonne hoch am Himmel, und als ſie ſich beſchämt über ihre Trägheit umwandte, ſiehe da lag der Brief auf dem Stuhl. Sie ahnte ſogleich Unheil; die Wahrheit trat blitzſchnell vor einen früh⸗ reifen Verſtand, deſſen raſche Einſicht aus der Vereinigung herzlicher Neigung und raſtloſer Gedankenthätigkeit entſtand. Sie ſchöpfte tief Athem und wurde todesblaß. Es währte einige Minuten, ehe ſie den Brief aufheben und das Siegel erbrechen konnte. Nachdem ſie es gethan, las ſie geräuſchlos, während ihre Thränen ohne Kampf oder Schluchzen auf das Blatt herabſielen. Sie hatte keine egoiſtiſche Sorge, keinen Kummer darüber, daß ſie allein bei Fremden gelaſſen wurde; es war das Pathos der einſamen Wanderungen des alten Mannes, ſeiner Verlaſſenheit, ſeiner erkünſtelten Heiterkeit und auf⸗ richtigen Selbſtaufopferung das war es, was ihr ganzes Herz mit einem unnennbaren Sehnen der Zärtlichkeit und Dankbarkeit, des Mit⸗ leids und der Verehrung übergoß. Aber nachdem ſie einige Zeit ſtille geweint hatte, küßte ſie den Brief mit ergebungsvoller Leidenſchaft

und wandte ſich zu dem Himmel, zu welchem der Auswürfling ſie zuerſt beten gelehrt hatte.

Hernach blieb ſie ſtillſtehen, ſann eine kleine Weile nach, und der ſorgenvolle Schatten verließ allmählig ihr Geſicht. Ja; ſie wollte ihm gehorchen ſie wollte ſich nicht grämen ſie wollte es verſuchen geſund und ſtark zu werden. Gewiß mußte er es in der Ferne fühlen, daß ſie ſeinen Wünſchen getreu nachkomme, daß ſie ſich fähig machte wieder ſeine Gefährtin zu werden; ſieben Tage gingen ja bald vorüber; Hoffnung, welche das Herz der Kindheit nie lange verlaſſen kann, ſtrahlte über ihre Betrachtungen, wie die Morgenſonne über eine Landſchaft, die kaum zuvor noch in der Dämmerung und unter Regen

trübſelig dagelegen.