Teil eines Werkes 
3. Bd. (1846)
Entstehung
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auf; er ſchleuderte ſie von ſich, und als ſie auf den Bo⸗ den fiel, floß das Blut in Strömen über ihre Lippen. In dem plötzlichen Wechſel des Gefühles, welchen der Schrecken bewirkte, hob er ſie in ſeinen Armen auf. Siewar eine Leiche! In dieſem Augenblicke ſchlug die Glocke mit erſchreckendem, feierlichem Tone an ſein Ohr; es war eine halbe Stunde nach Mitter⸗ nacht!

Das Grab iſt jetzt geſchloſſen über dieſem ſanften, verirrten Herzen, und ſein ſchuldvollſtes Geheimniß blieb unentdeckt. Sie kam in das letzte Haus mit ge⸗ ſegnetem, unverkümmertem Namen, denn ihre Schuld war nicht bekannt, und ihre Tugenden leben noch fort in dem Gedächtniſſe der Armen.

Man ſetzte ſie in dem ſtattlichen Grabgewölbe ih⸗ res alten Geſchlechts bei, und ihre Bahre wurde durch Thränen von Herzen geehrt, die deßhalb nicht weniger erſchüttert waren, weil ihr, obwohl heftiger, Schmerz nur kurz dauerte. Die Todten haben viele Leidtragende, aber nur ein Denkmal die Bruſt, welche ſie am in⸗ nigſten liebte. Die Stelle, wo der Leichenzug hielt, der grüne Raſen unten, die umſtehenden Bäume, der graue Thurm der Dorfkirche, und die ſtolzen, jenſeits ſich erhebenden Hallen alle waren Zeugen geweſen von der Kindheit, der Jugend, dem Hochzeitstage des Weſens, deſſen letzte Ehren und Feierlichkeiten ſie jetzt mit anſahen. Dieſelbe Glocke, welche bei ihrer Geburt erklang, war auch bei ihrer Vermählung geläutet wor⸗ den; jetzt verkündete ſie die Beſtattung ihrer irdiſchen