Teil eines Werkes 
1. Bd. (1846)
Entstehung
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beſetzt, zeigte den außerordentlich ſchönen Umriß des Halſes und Nackens, den es bedeckte. Der reiche blaue

Kopfputz ſtand gut zu der weißen Geſlchtsfarbe und dem

dunklen kaſtanienbraunen Haar, und über ihrer Kleidung trug ſie jenes anmuthige Gewand, wovon her altfran⸗ zöſiſche Dichter ſingt:

Car nulle robe n'est si belle 5 A Dame nèé à demoiselle.

Dieſes Kleidungsſtück war vielleicht von klaſſiſchen

Urſprung und findet ſich mit geringer Abänderung auf den etruriſchen Vaſen; es war lang und loſe von het weißeſten und feinſten Leinwand mit hängenden AÄrmeln und an den Seiten offen. Aber es war nicht nur die Kleidung, die des jungen Mädchens Geſtalt und Antlitz verſchönert hatte es war vielmehr eine uner⸗ klärliche Veränderung im Ausbruck und im Weſen. Eie ſah aus, als wäre ſie fuͤr den Hof geboren; freilich noch immer beſcheiden und einfach aber mit einem Be⸗ wußtſein der Würde und faſt moͤchte ich ſagen, der Macht; und in der That hatte das Weib die Macht ge⸗ lernt, welche die Weiblichkeit befitzt. Man hatte ſie bewundert, war ihr gefolgt, hatte ihr geſchmeichelt; ſie hatte die Autorität der Schönheit gelernt. Ihre Fähig⸗ keiten, in jenem Zeitalter ungewöhnlich unter ihrem Geſchlecht, hatten den Reiz der Perſon unterſtützt; ihr natürlicher Stolz, der, obgleich bisher verborgen, hoch und glühend war, erfüllte ihr Herz mit lieblichen Hof⸗⸗ nungen eine glänzende Laufbahn ſchien ſich vor ihr auszuhreiten; und uͤber ihres Vaters Sicherheit beruhigt

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