130
macht noch jetzt den Tibullus pathetiſch und den Ovidius zum Meiſter in zärtlichen Empfindungen; dieß vor Allem bringt jene unwiderſtehliche, herz⸗ ergreifende Begeiſterung hervor, welche den roman⸗ tiſch Schwärmenden, den Berechnenden, den Alten, den Jungen, den Hofmann, den Bauer, den Dich⸗ ter, den Geſchäftsmann ergreift bei den herrlichen Liebesgedichten von Robert Burns. Hier iſt der Geſchmack der ſüßen und doch körperhaften irdi⸗ ſchen Wirklichkeit, hier Fleiſch und Blut!
Das große Fideikommiß.
Das große Erbe der Menſchheit iſt ein Ge⸗ webe von Mißgriffen; ein Geſchlecht bringt ſein Leben damit zu, die ihm von einem andern über⸗ lieferten Irrthümer zu flicken; und die Hauptur⸗ ſache aller politiſchen— d. h. der ſchlimmſten und allgemeinſten Mißsriffe, iſt dieſe: dieſelbe Regel, welche bei uns für individuelle Fälle gilt, wenden wir nicht auf das Peffentliche an. Alle Menſchen geben zu, daß beim Pferdehandel prellen eine Prel⸗ lerei iſt; man ſtraft den Angeklagten und verur⸗ theilt das Vergehen. Aber im Staat iſt keine ſol⸗ che Einſtimmigkeit. Prellen, der Herr helfe uns! benenunt man mit manchen zierlichen Namen, und der Betrug betitelt ſich groß ſprecheriſch: Politik! In Folge deſſen iſt ein beſtändiger Kampf zwiſchen Denen, welche die Sachen bei ihrem rechten Na⸗ men nennen, und welche ihnen hartnäckig einen fal⸗ ſchen geben. Daher alle Arten von Verwirrung; dieſe Verwirrung erſtreckt ſich ſehr bald auf die für einzelne Fälle gemachten Geſetze; und ſo, ob⸗ gleich die Welt noch ganz darüber einverſtanden iſt, daß Privatprellerei— Privatprellerei iſt, hat man doch im Staatsleben des Teufels Noth, ſie zu be⸗ ſtrafen. Die Kunſt zu prellen iſt heut zu Tage
—


