Teil eines Werkes 
Band 2 (1851)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

*

17

Die Gräfin hörte, ganz in Träumereien verloren, ein dumpfes, von außen kommendes Geräuſch, das die vom Nachtwinde gegen die Fenſterſcheiben von Zeit zu Zeit gemurmelten Klagmelodien unterbrach, nicht. Dann ſchien dieſes anfänglich gedämpfte Geräuſch vom Balcon herzukommen, bis das Fenſter ſich heftig öffnete, der eindringende Wind ſich im Zimmer verfing, und das Licht der Lampe zu einer bis zur Mündung ihres Glas⸗ rohres aufſteigenden Feuerzunge geſtaltete.

Bei der ſchwankenden Helle des im Zimmer bren⸗ nenden Lichtes ſah die vor Erſtaunen verſteinerte Gräfin einen Mann auf ſich zukommen.

Ehe ich in der Erzählung fortfahre, glaube ich hier austrücklich bemerken zu müſſen, daß ich hier Nichts erfinde, ſondern mich einzig und allein auf die Rolle eines Erzählers beſchränke. Man hat ſich, gottlob! ähn⸗ licher Entwicklungen in Romanen ſchon ſo häufig be⸗ dient, daß ich mir ein Gewiſſen daraus gemacht haben würde, auf's Neue einen jener nächtlichen Helden ein⸗ zuführen, die eine Strickleiter einer ordentlichen Treppe vorzuziehen affectiren, um ſo unvermuthet in einen Ort einzudringen, wo man ſie am Wenigſten erwartet.

Gewiß, wenn ich dieſe Erzählung aus dem Munde irgend eines andern Menſchen gehört hätte, als aus dem des Waldläufers, von dem ich ſie habe, ich würde ihn im Verdacht haben, daß er in ſeine Erinnerungen die Erzählungen von Melodramen aus ſeiner Jugend miſche; aber der wackere Canadier war in den Wüſten geboren, und hatte faſt nur in ſolchen gelebt. Er war im Walde oder in der Wüſte nur ſelten Zuſchauer, um ſo häufiger aber eine handelnde Perſon bei jenen Dra⸗ men geweſen, deren Entwicklung raſch, wie der Pfeil oder die Mordkeule des Indianers, iſt, wenn ſie nicht ganze Tage dauern, wie deutſche Dramen, wo dann die Ueberlebenden allein die Einzelheiten erzählen können.

Ich muß daher annehmen, er ſei bloß der wahrheits⸗ liebende Erzähler einer romanesken Realität geweſen.

Der Waldläufer. l. 2